Graz Multiculti06 – 9.-16. Juli 2006

Am 9. Juli 2006 war es endlich soweit: 150 Jugendliche aus acht verschiedenen europäischen Ländern (Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Großbritannien, Italien, Deutschland und Österreich) fanden sich am Sonntag, dem 9. Juli 2006 im Grazer Jugendgästehaus ein, um gemeinsam die Begegnungswoche zu erleben. Da an diesem Abend auch das Finalspiel der Fußballweltmeisterschaft stattfand, wurde das interne Welcome passend zum Thema in die UPC-Arena des Liebenauer Stadions verlegt, wo in einem eigens errichteten Zelt den Leuten die Gelegenheit geboten wurde, das Spiel auf Bildschirmen zu verfolgen. Der Sport als integratives Element – gerade Fußball besitzt ja eine starke völkerverbindende Komponente – diente in diesem Fall der Erleichterung des Kennen lernens und dem Knüpfen erster Kontakte. Und auch wenn sich während des Spiels klarerweise zwei Lager gebildet hatten, wurde im Anschluss der Sieg der italienischen Mannschaft gemeinsam und mit Begeisterung gefeiert.

Der darauf folgende Montag war dem näheren Kennen lernen untereinander und dem Einlassen aufeinander gewidmet. Ziel war es, ein Gespür für die jeweils anderen zu entwickeln und Vorurteile sowie eventuelle Berührungsängste abzubauen. In einem vom Spielpädagogen Arno C. Hofer organisierten Planspiel tauchten die TeilnehmerInnen in die Kultur der Kelten ein und organisierten im Rahmen verschiedenster Stationen ein gemeinsames Fest, im Zuge dessen die erarbeiteten Dinge (die Palette reichte von Liedern über selbst gemachten Schmuck und dem Basteln von Kleidungsstücken) präsentiert wurden. Und obwohl dieser sehr spielerische Zugang am Anfang vielleicht verwunderte, am Ende waren sich alle näher gekommen und hatten über die Simulation der Zugehörigkeit zu einer fremden aber doch allen gemeinsamen Kultur ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.

Montagabend fand dann im Dom im Berg die offizielle und auch für die Öffentlichkeit zugängliche Eröffnungsveranstaltung statt. Namhafte PolitikerInnen von Seiten der Stadt und des Landes und einige Grazer BürgerInnen waren gekommen, um mit uns gemeinsam dieses Fest zu begehen. Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl drückte seine Freude über den Besuch der vielen jungen Menschen in Graz mit einer Eröffnungsrede aus, die deutlich machte, wie wichtig ihm die Jugend und die Sensibilisierung Jugendlicher für interkulturelle Themen ist. In der anschließenden Talkrunde, die von der Moderatorin des Abends, Mag. Nadja Frischenschlager-Gowayed geleitet wurde, gaben er und der Landtagsabgeordnete Hannes Schwarz interessante Einblicke in ihre Vorstellungen vom Jungsein und den Problemen sowie Herausforderungen der heutigen Jugend. Weitere inhaltliche Inputs kamen vom Kabarettisten Jörg-Martin Willnauer, der es schaffte, so viele Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam ein Lied in unterschiedlichen Sprachen singen zu lassen und die kulturenübergreifende Wirkung von Humor zum Ausdruck brachte sowie die damalige Grazer Stadtschreiberin Marusa Krese, die aus ihrer ganz persönlichen Erfahrung über das Fremdsein berichtete. Der bekannte Schlagzeuger Ismael Barrios brachte das Publikum zwischen den einzelnen inhaltlichen Teilen mit seinen Solo-Percussion-Einlagen zur Begeisterung. Die Hauptakteure des Abends waren jedoch die einzelnen Ländergruppen, die unter dem Motto „We and Multiculti“ Präsentationen vorbereitet hatten, in denen sie einerseits ihre jeweiligen Länder als auch ihren Zugang zu diesem Thema darstellten. Und ganz gemäß dem Titel des Abends, der „Buntes Europa“ lautete, gestaltete sich dieser auch – die einzelnen Darbietungen hätten unterschiedlicher nicht sein können, sie reichten von Tanz über Gesang bis zu Theatereinlagen und Powerpointpräsentationen und jede einzelne von ihnen vermittelte, mit wie viel Herz und Gefühl die Akteure an die Sache herangegangen waren. Die letzte Präsentation des Abends hielt dann letztendlich niemanden im Publikum mehr auf den Sitzen, alles im Saal tanzte und man ging nahtlos in die anschließende Party über, auf der zu den Klängen eines DJs und unterstützt durch geniale Visuals bis spät in die Nacht gefeiert wurde.

Dienstag und Mittwoch waren reserviert für so genannte interkulturelle Trainings. In einer Vielzahl von Workshops rund um das Thema Integration – beleuchtet unter den unterschiedlichsten Aspekten – wurde den jungen Leuten die Möglichkeit geboten, Werkzeuge zu erlernen und sich „personal skills“ anzueignen. Hierbei wurde mit verschiedensten methodischen Ansätzen (kognitiv, musisch/kreativ etc.) gearbeitet, um alle möglichen Formen des Lernens so gut wie möglich abzudecken und den persönlichen Unterschieden in den Zugängen gerecht zu werden. So gab es Einheiten, die eher „hirnlastig“ aufgebaut waren als auch solche, in denen die TeilnehmerInnen ganz und gar in ein Thema eintauchen und dieses persönlich spüren konnten. Erwähnt sei hier als Beispiel der Versuch, sich auf einer belebten Straße hinzusetzen und zu betteln oder als Mädchen mit Kopftuch verschleiert durch die Stadt zu gehen und die jeweiligen Reaktionen der BürgerInnen zu testen. Die am Abschlussabend präsentierten Erfahrungsberichte dieses Workshops waren so nahe gehend und einprägsam, dass man das erlebte Gefühl direkt selbst spüren konnte – man kann sich vorstellen, was dieses Ausprobieren bei den Beteiligten ausgelöst hat und was sich an Sensibilisierung tut, wenn man gewisse Situationen am eigenen Leib erfährt.

Waren die Workshops bzw. Trainings an den vorhergegangenen Tagen noch halb- oder ganztägig aufgebaut, zielten die so genannten Themenworkshops am Donnerstag und Freitag darauf ab, dass die TeilnehmerInnen sich zwei Tage lang intensiv mit einem Thema beschäftigen und nach Möglichkeit sogar eigene Modelle für die Verbesserung interkulturellen Zusammenlebens entwickeln sollten. Auch hier war die Palette von Angeboten weit gestreut. Neben Themen wie Armut, interkulturelle Kommunikation und europäische Identität beschäftigten sich die TeilnehmerInnen auch mit dem Begriff der Sicherheit in seinen unterschiedlichsten Facetten und dem Phänomen der Arbeitsmigration oder der Illegalisierung von MigrantInnen. Eine Gruppe arbeitete am Aufbau und der Möglichkeit der Nutzung der projekteigenen Homepage

Am Samstag Vormittag kamen die TeilnehmerInnen, die die Woche über in gemischten Gruppen je nach Interesse in den einzelnen Workshops gearbeitet hatten, wieder in ihren Ländergruppen zusammen mit dem Auftrag, sich zu überlegen, wie sie anhand des Gelernten und Erarbeiteten regionale Projekte in ihrem jeweiligen Heimatland sowohl entwickeln als auch umsetzen können. Gerade die Nachhaltigkeit war von Anfang an ein erklärtes Ziel von „Graz MULTICULTI 06“, es war immer klar, dass nicht nach der Jugendbegegnung alles vorbei sein soll, wenngleich diese naturgemäß den Schwer- bzw. Höhepunkt des Projektes bildete.
Der Samstagabend stand letztendlich ganz im Zeichen des Abschlusses und der damit verbundenen Party. Im p.p.c. wurden noch einige Ergebnisse aus den Workshops präsentiert, darunter auch Ausschnitte des die ganze Woche über gelaufenen Radioworkshops, der unter anderem jeden Morgen ein eigenes Frühstücksradio im Jugendgästehaus produziert hatte, bevor man sich ganz dem Feiern hingab. Ein buntes Musikprogramm von „Mixed Music“ (einem Projekt von ISOP) sowie der irischem Einfluss unterliegenden Punkband „Denny´s Drive-In“ und im Anschluss die Rhythmen des DJs Muratti, unterstützt durch Live-Percussion, sorgte für gemeinsames Abtanzen und einen stimmungsvollen Ausklang der Woche.

Evaluierung und Nacharbeit

Nach einer intensiven Woche – man hat miteinander eine Woche lang gelebt, gearbeitet, diskutiert, gefeiert, sich besser kennen gelernt und Freundschaften geschlossen – war die Begegnung für die 150 Teilnehmenden vorbei. Nun wird die Zukunft zeigen, was jede/r einzelne an Erfahrungen aus dieser Woche in den persönlichen Lebensalltag übernehmen wird, aber auch wie die Länderdelegationen gemeinsam am Thema weiterarbeiten werden. Für das Team des Friedensbüros und für die „Denkfabrik“ war damit das Projekt noch lange nicht zu Ende. Die Resultate des Treffens wurden in zwei Publikationen dargestellt, einer gedruckte Version und einer Videodokumentation auf DVD. Die Begegnungswoche wurde permanent von einem Kamerateam begleitet, das einen Film produzieren hat, der einerseits einen Einblick in die inhaltlichen Arbeiten gibt, andererseits aber auch die Stimmung der gemeinsamen Zeit abseits dessen eingefangen hat. Auf der Homepage wurden im internen Bereich die Unterlagen der WorkshopleiterInnen zur Verfügung gestellt und über das Forum fand zumindest anfänglich ein reger Austausch statt.

Von 24. – 27. November fand in Graz mit den jeweiligen DelegationsleiterInnen der geplante Evaluierungsworkshop statt. Gemeinsam ließ man die gesamte Geschichte des Projektes Revue passieren, mit dem gegebenen Abstand wurde die Begegnungswoche evaluiert und sowohl besonders positive Punkte, als auch Verbesserungsmöglichkeiten für die Zukunft diskutiert. Weiters wurde gemeinsam an „lessons learned“ gearbeitet, im Rahmen derer sowohl für die teilnehmenden Organisationen und das Friedensbüro als auch für alle am Thema Interessierten aus den gemachten Erfahrungen Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die Zukunft abgeleitet wurden. Auch erste Ideen über Projekte in den jeweiligen Partnerländern wurden in diesem Workshop ausgetauscht.