Friedensgedanke 20.6.2016

Gedenken an die Amokfahrt von Graz

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie hier auf dem Hauptplatz mitten im Zentrum unserer Stadt. Mein Name ist Claudia Unger, ich arbeite im das Afro-Asiatische Institut, einem von vielen Orten in Graz, wo das Zusammenleben in Vielfalt und Respekt gelingt.
Wir stehen heute traurig hier, fassungslos über die Tat eines Menschen und zutiefst erschüttert über den Tod von Menschen und so viele körperlich und seelisch Verletzte.
Nach der Tragödie, die unvermutet hereingebrochen ist über uns in unserer Stadt, ist es gut, dass wir gemeinsam hier sind.
Wir sind wohl auf verschiedene Weise betroffen – unmittelbar, schockiert, mitfühlend – alle jedoch im Bedürfnis, diese Zeit irgendwie miteinander zu teilen.
Vertreter und VertreterInnen der Republik Österreich, des Landes Steiermark und der Stadt Graz, der Religionsgemeinschaften und wir alle sind hier.
Bis jetzt war es für die meisten von uns eine abstrakte Vorstellung, was eine erschütterte, eine trauernde Stadt sein soll. Jetzt ist es unsere Stadt. Und mit ihr sind es wir.
Der Weg, den wir gerade zurückgelegt haben, war nicht leicht zu gehen, und er wird uns lange daran gemahnen, was hier passiert ist. Ihn gemeinsam zu gehen, ist wenngleich nicht leicht, so hoffentlich doch leichter gewesen.
Viele Worte scheinen in diesen Tagen unverzichtbar, vieles ist trotzdem nicht in Worte zu fassen. Man wird manchmal sprachlos vor dem Schmerz, den manche auszuhalten haben.
Heute aber ist unser Schweigen nicht stumm, im Schweigen sind wir heute nicht einsam oder fremd nebeneinander. Im Gegenteil.
Eine Tragödie darf nie das letzte Wort bekommen. Auch wenn es schwer und für jene, die ihre Liebsten verloren haben, unmöglich scheint: Man muss es ihr abringen. Die Menschen, die ihr zum Opfer gefallen sind, getötet oder verletzt an Körper und Seele, sollen nicht nur bei ihrer Liebsten aufgehoben bleiben, sondern auch in unserem Bewusstsein als Grazerinnen und Grazer. Das schulden wir unserem Graz, in dem das gute Zusammenleben ein großes Anliegen ist.
Heute stehen wir mit dem Gefühl der Machtlosigkeit hier, weil wir nichts mehr ändern können an dem, was passiert ist.
Aber es steht in unserer Macht, doch etwas ändern, weil das Schreckliche auch immer die Sehnsucht nach dem Guten stärkt.
Bewahren wir uns das Bedürfnis, einander näher zu sein. Stehen wir ein für eine gute Kultur des Zusammenlebens. Stehen wir auf gegen alles, was ein friedliches und respektvolles Leben in Graz bedroht. Stellen wir uns vor Schwache und hinter gute Ideen. Seien wir kritisch und lösen wir Probleme sachlich. Und sobald es wieder geht: Fürchten wir uns nicht.
Für heute reicht, dass wir nicht einfach wieder auseinandergehen. Bleiben wir zusammen.

Am 20.6. jährt sich die Amokfahrt von Graz, bei der drei Menschen getötet und 36 weitere zum Teil schwer verletzt wurden. Bei der Gedenkfeier am Hauptplatz hielt Claudia Unger folgende Rede.