Friedenszitat 10.4.2017

Die meisten Friedensaufrufe sind altruistische Appelle. Wunderschön, trotzdem gehen sie leider oft ins Leere. Warum?
Ich denke, weil Appelle in der Regel zu kurz greifen. Wir wissen es ja aus dem Bereich der individuellen Pädagogik: Es sind meist geschwächte Persönlichkeiten mit emotionalen Defiziten, die am stärksten zur Aggression neigen, während starke, in sich selbst gefestigte Persönlichkeitsstrukturen viel bessere Voraussetzungen für ein konstruktives Miteinander bilden. Und letztlich tragen weder Strafen noch Appelle wirklich etwas zur Verminderung des Konfliktpotentials bei. Sondern langfristig hilft nur eine positive Stärkung des Selbstwertes und des Selbstbewusstseins der Betroffenen. Auch friedliche Menschen müssen sich nicht alles gefallen lassen. Aber sie können ihre Grenzen nüchtern und sachlich definieren: „Bis hierher und nicht weiter!“ Oft genügt das bereits.
Sind nicht gerade die beiden Weltkriege ein sprechendendes Beispiele dafür, dass die Mechanismen im kollektiven Bereich ganz ähnlich funktionieren? So sehr es die treibenden Kriegsparteien damals auch „verdient“ haben mögen – die demütigenden Friedensverträge von Versailles und St. Germain haben den Frieden nicht gefördert, sondern den nächsten Krieg geradezu provoziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Siegermächte klüger, obwohl die Auslöser des Krieges eine Strafe mindestens ebenso sehr „verdient“ hätten. Man hat auf Demütigungen verzichtet, den Wiederaufbau gefördert – und eine wirklich lange Friedensperiode war die Folge.
Seit Napoleons Zeiten sind muslimische Staaten vom Westen systematisch gedemütigt und ausgegrenzt worden. So war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann das „Imperium“ einmal „zurückschlagen“ würde. Wir werden auch heute mit Appellen nichts erreichen. Für den Aufbau einer nachhaltigen Friedensordnung gilt es vielmehr, mittel- und langfristig die gleiche Augenhöhe zwischen den Konfliktparteien wieder her zu stellen.

Mag. theol. Hermann Miklas, MEd-Superintendent der Evangelischen Kirche in der Steiermark