
2023-06-29 FRI Sommerfest_Schippi 20
Foto: Christina Hauszer
Frieden in die Welt tragen
Unser Blog

Foto: Christina Hauszer
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Einleitende Gedanken
Die Weltsituation fragt nach Antworten für die komplexen Herausforderungen, Spannungen und Konfliktfelder. Wie können wir sinnvoll dazu beitragen, dass sich Frieden in der Welt ausbreiten und gedeihen kann? Was können wir als Einzelne oder als Gemeinschaft tun?
Frieden ist kein Ding, das man an einen Ort bringt, wo er dann von sich aus wirkt. Es braucht unser Zutun und unsere innere Haltung, wie wir mit Gegensätzen und Unterschieden umgehen.
Der norwegische Friedensforscher Johann Galtung definiert: „Frieden ist, wenn Menschen im Stande sind mit ihren Konflikten kreativ und konstruktiv umzugehen.“ Es ist demnach ein aktiver Begriff und kein statischer Harmonie-Zustand. Frieden braucht bestimmte Fähigkeiten für den Umgang miteinander. Dazu zählen zum Beispiel Vertrauen, Versöhnung, Liebe, Kreativität oder Mitgefühl. All diese Fähigkeiten sind bereits in uns angelegt, auch wenn es uns nicht immer leicht fällt, diese auch zu leben. Es scheint sogar so zu sein, dass wir oftmals vergessen haben, dass wir sie in uns tragen.
„Man ist nicht Mensch, weil man geboren ist, man muss Mensch werden.“
Oskar Kokoschka
In diesem Sinne: wir tragen die Möglichkeit in uns, mit unserem persönlichen Lebensweg unsere Menschlichkeit zu entwickeln und unsere destruktiven Seiten zu zähmen.
Jede und jeder Einzelne kann bereits dort, wo er/sie gerade ist, Träger:in einer friedlichen Vision für die Welt sein und das eigene Verhalten danach ausrichten. Jeder auch noch so kleine Schritt ist ein Beitrag für das große Ganze: „Alles ist mit Allem verbunden“ (Hildegard von Bingen).
Frieden in die Welt tragen oder: Erfahrungen ermöglichen
Das Friedensbüro der Stadt Graz bringt seit fast vierzig Jahren Menschen in Kontakt. Meist dort – thematisch oder örtlich – wo die Welt im Kleinen bereits hier in Graz versammelt ist.
Ursprünglich befasste sich das Friedensbüro mit Themen des internationalen Friedens, der Völkerverständigung und der Menschenrechte; um 2006 verlagerte sich der Schwerpunkt auf Projekte, die das friedliche Zusammenleben direkt in Graz fördern. Der Blick wurde verändert: vom Frieden anderswo in der Welt zum Frieden „vor der eigenen Haustür“.
Die Projekte Nachbarschaftsservice und Mobile Stadtteilarbeit bereiten hierfür immer wieder einen Boden, in dem Begegnung über Unterschiede und Gegensätze hinweg möglich sein kann. Denn so wie der Frieden unser aktives Zutun braucht, so braucht es auch geeignete Erfahrungsräume. Damit sind Möglichkeiten gemeint, in denen Menschen miteinander erleben können, dass ein friedliches Zusammenleben gelingen kann, trotz beispielsweise großer ideologischer, sozialer oder wertebasierter Unterschiede.
Das Nachbarschaftsservice bietet hierzu für Nachbar:innen in Grazer Mehrparteienhäusern unter anderem Mediation an. Neben dem Suchen nach konkreten Lösungen ist ein Mediationsverfahren immer auch die Gelegenheit neue Erfahrungen im Umgang miteinander zu sammeln. In diesem geschützten Rahmen legt man gemeinsam fest, wie man miteinander sprechen möchte. Die Mediatorinnen stehen als Wegbegleiterinnen zu Seite, damit das Gespräch nicht in destruktive Bahnen gleitet. Vielmehr werden gemeinsam die jeweiligen Bedürfnisse erforscht und durch Fragen und das Zuwenden zu allen Beteiligten und ihren Anliegen das gegenseitige Verständnis gefördert. Es ist wunderschön mitzuerleben, wenn sich die ursprünglichen Probleme aus der Nachbarschaft in wohlwollende, persönliche Begegnungen zwischen Menschen verwandeln. Dies ist insbesondere dann von großer Bedeutung, wenn für äußere Umstände, die sich auf Nachbarschaften belastend auswirken, keine Lösungen gefunden werden können.
Daneben bietet die Mobile Stadtteilarbeit präventive Angebote zur Gemeinschaftsbildung in Siedlungen sowie im Volksgarten in Graz. Der tragende Boden dieser Arbeit ist eine
Haltung:
Jede/r ist Teil des Ganzen.
Bei Uneinigkeiten oder Schwierigkeiten ist ganz klar, dass Wege gesucht werden, um damit umzugehen. Verbinden statt ausgrenzen.
Das Mobile Team setzt dabei auf Selbstwirksamkeit der Einzelnen in ihrem Wohnumfeld. Die jeweiligen Fähigkeiten, Interessen und Ideen werden unterstützt. So ist das grundsätzliche Angebot für alle Siedlungen das gleiche, doch in der jeweiligen Ausprägung kann es ganz unterschiedlich aussehen: vom gemeinsam betreuten Garten, punktuell gemeinsamen Erfahrungen bei Festen, gemeinsame Opernbesuche oder dem Ergreifen des K.I.O.S.K. im Volksgarten als Möglichkeitsraum für die Umsetzung eigener Ideen. Die öffentlichen „Blubber-Gespräche“ anlässlich des Lendwirbels 2025 sind ein weiteres Beispiel für einen tragfähigen Boden: hier kamen Anrainer:innen miteinander in Dialog und erlebten, wie Unterschiede nebeneinander Platz haben, wenn der Rahmen für alle als sicher genug wahrgenommen wird.
Was hier auf der Mikro-Ebene für die direkten Wohnungsnachbar:innen, auf der Meso-Ebene für die Siedlungsgemeinschaften oder den Volksgarten gilt, darf auch Hoffnung für die Makro-Ebene geben. Der Verhandlungsexperte William Ury, der bereits bei zahlreichen internationalen Konflikten beratend mitwirkte, sagt sinngemäß, dass die Dynamiken die gleichen seien, ob am politischen Verhandlungstisch oder am Küchentisch. Letztlich seien es immer unsere menschlichen Dynamiken.
Ausblick und Hoffnung
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Hilde Domin
„Frieden in die Welt tragen“ beginnt tief in unserem Inneren. In unsicheren Zeiten und angesichts der großen Verwundungen in der Welt braucht es unsere stille Kraft der Hoffnung, dass ein friedliches Miteinander möglich ist.
Persönlichkeiten wie Etty Hillesum, Nelson Mandela, Bertha von Suttner oder Viktor E. Frankl haben mit ihrem Leben eindrucksvoll gezeigt, dass Hoffnung transformieren kann – auch über das eigene Leben hinaus. So blieb beispielsweise Bertha von Suttner bis zu ihrem Lebensende mit ihrem Appell „Die Waffen nieder“ unermüdlich, auch wenn sie eine Wende zum Frieden nicht mehr erleben konnte. Doch jede Tat im Dienste des Friedens ist unverlierbar geborgen: viele ihrer Vorarbeiten haben in der späteren Etablierung internationaler Rechtsgefüge Früchte getragen.
Zum Abschluss möchte ich die Worte der Mitbegründerin der Friedensbewegung „Peace Factory“, Joana Osman, teilen:
„[Denn] Frieden ist nicht das Ende von Krieg – er ist der Beginn von etwas Neuem: einer Haltung, einer Praxis, einer Entscheidung für nichts Geringeres als radikale Menschlichkeit“
Dieser Beitrag wurde für die Pfarrpost des Seelsorgeraumes Graz-Südost verfasst.
Die ganze Ausgaben kann man hier abrufen.
Von: Katharina
24. Juni 2026
Bild: Christina Hauszer
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