Graz Multiculti06 – Hintergrund

Immer mehr junge Menschen in Europa leben in Ländern, in denen sie nicht geboren wurden. Sie wachsen in einer ihnen zunächst fremden Kultur auf, eignen sich eine Sprache an, die nicht ihre Muttersprache ist, und sind von Seiten ihrer Eltern her Traditionen verhaftet, die oft in sehr starkem Gegensatz zur neuen Umgebung stehen. Daher ist es umso wichtiger, solche Jugendliche, die oft zwischen zwei oder mehreren Kulturen stehen, dabei zu unterstützen, einerseits ihre ursprüngliche Identität zu stärken, andererseits aber auch Akzeptanz und Toleranz für die Kultur des neuen
Heimatlandes zu entwickeln. Umgekehrt ist dieser Lernprozess für die Jugendlichen der Mehrheitskultur ebenso notwendig, nur so kann Integration gelingen. Zusätzlich zu diesen „zugezogenen“ Jugendlichen leben in nahezu allen europäischen Ländern ethnische Minderheiten, die sich schon seit langem um echte Anerkennung und Integration bemühen. Auch in diesem Fall ist es nötig, Jugendliche unterschiedlicher Kulturen für die jeweils Anderen zu sensibilisieren und ihnen die Entwicklung gemeinsamer Zukunftsszenarien zu eröffnen.

Nicht zu übersehenden Akten von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stehen ebenso deutlich wahrnehmbare neue Ausdrucks- und Erscheinungsformen einer wesentlich toleranteren, weltoffeneren und zivilisierteren Jugendkultur in Musik, Sprache, Kommunikation, Mode, Politik und Religion gegenüber. Diese Tendenzen gilt es zu stärken, um sogenannten Kampf- und Kriegsideologien oder weitaus sublimeren Ausgrenzungsmechanismen, wie sie auch in westlichen Medien verbreitet und von politischen Strömungen missbraucht werden, wirkungsvoll zu begegnen.

Vorgeschichte

In den Jahren 2001 bis 2003 führte das Grazer Büro für Frieden und Entwicklung in Kooperation mit internationalen Organisationen (Europäische
Kommission, Europarat, UNESCO, World Conference on Religion and Peace u.a.) das Projekt: „Interreligiöses Europa – miteinander leben, einander verstehen“ durch, dessen Höhepunkt eine fünftägige Begegnung in Graz war, an der VertreterInnen der neun großen Weltreligionen aus 90
Städten und 40 Nationen teilnahmen. Im Rahmen dieser Konferenz wurde von zahlreichen TeilnehmerInnen angeregt, ein ähnliches Projekt durchzuführen diesmal, aber speziell auf die Bedürfnisse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen abgestimmt.

Die Denkfabrik

Anfang März 2005 wurde in Graz auf Initiative des Friedenbüros eine multikulturelle Arbeitsgruppe eingerichtet, die an der Erarbeitung des Projektes mitwirken sollte. An dieser sogenannten „Denkfabrik“ nahmen insgesamt 12 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 26 Jahren teil. Sie sind GrazerInnen und MigrantInnen aus fünf verschiedenen Herkunftsländern (Bosnien, Ägypten, Sri Lanka, Nigeria, Serbien) und repräsentieren sechs verschiedene große Glaubensrichtungen (Katholizismus, Protestantismus, Orthodoxie, Islam, Judentum, Buddhismus)
sowie die Gruppe ohne religiöses Bekenntnis.

Die „Denkfabrik“ erarbeitete in einem ersten Schritt den Grundrahmen und erste grobe inhaltliche Ideen für das Projekt „Jung, tolerant und weltoffen – jung sein in einem multikulturellen Europa“. Es folgten weitere Treffen, im Rahmen derer die Ziele und erwarteten Resultate des Projektes gemeinsam definiert wurden.