St. Peter

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In meinem zweiten Blog über St. Peter trifft wieder das ein, was ich an dieser Arbeit so zu schätzen gelernt habe: Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen erzählen ihre ganz persönliche Sicht auf denselben Bezirk. Oft schließt sich dabei ein Kreis und das, was dabei rauskommt ist meist ein sehr vielfältiges und buntes Bild von selbigem.
In diesem Blog kommen die zehnjährige Ayana, Manfred Oswald, Oberst in Ruhe und Herr Mag. Schröttner, seit bald 20 Jahren Bezirksvorsteher, zu Wort.
Ayana lebt seit ca. 6 Jahren im Bezirk St. Peter. Nicht nur als Neo-Hundebesitzerin schätzt sie die Eustacchiogründe, sondern liefert ziemlich „aus der Pistole geschossen“ die entscheidenden Stichworte: IN der Stadt und trotzdem Wildnis, Teiche zum Eislaufen, Ruine zum Klettern, Fahrradpark, Volleyballnetz, … kurz: ein spannender Treffpunkt für Freund:innen.
Aber St. Peter hat noch viel mehr zu bieten. Herr BV Schröttner spannt den Bogen von dem ehemaligen Pfarrdorf St. Peter bei Graz vor rund 100 Jahren zum beliebten Wohnbezirk heute. Ein Wohnbezirk, der aber zugleich auch einen riesigen Gewerbepark beheimatet, in den täglich 5000 Menschen pendeln. Der Bezirk ist auch eine gute Mischung aus Berg und Tal. Das Areal am Fuße von Petersbergen, einst – bedingt durch den Lehmabbau zahlreicher Ziegelwerke – einer Mondlandschaft ähnlich, wird zu einem beliebten Ausflugsziel. Die zahlreichen Löcher und Mulden, die – wieder bedingt durch den Lehm – das Versickern von Wasser verhindern, werden so zu kleinen Teichen. Einer von diesen Teichen ist der Aita Teich, der im Zuge des Baus eines Hochwasserrückhaltebeckens zu einer Naturoase umgestaltet wird.
Ayanas Mama hilft einmal die Woche am Bauernmarkt aus, von dem – so erfahre ich vom Bezirksvorsteher – vor ungefähr 20 Jahren die ursprüngliche Initiative für Bauernmärkte ausgegangen ist. Mittlerweile ist dieser Markt nicht mehr wegzudenken, ganz im Gegenteil, es wird eine Expansion an die Peripherie angedacht. Auch die extrem gute Frequentierung diverser Automaten (Milch, Eier, ….) zeigt, dass die Menschen auf regionale Köstlichkeiten stehen.
Apropos Köstlichkeiten: Ayana hat ein ganz spezielles Lieblingsplatzerl im Bezirk, das jetzt sicher bald „Hochsaison“ haben wird. Es ist das Eisgeschäft am Anfang des Weges hinauf zur Kirche, ihre Empfehlung lautet: Joghurt, Zitrone, Schokominze. Genossen wird diese Mischung dann oft am angrenzenden Spielplatz, der mit einem großen Kletternetz aufwarten kann.
Gleich daneben ist auch das Nachbarschaftszentrum St. Peter, in dem man seit 2018 eine Ausstellung zum Bezirk St. Peter bewundern kann, deren Zustandekommen auf einer lustigen Geschichte beruht, wie mir Herr Oswald erzählt.
Als begeisterter Vielleser und somit Stammgast in der Pfarrbibliothek hat er, zusammen mit einer Gruppe Schüler:innen, auch bei der Umsiedlung der Bibliothek mitgeholfen. Letztere haben die Bücher in einer Menschenkette ruck-zuck weitergereicht. Am Ende, in einem leeren Raum stehend, fällt ihm die Wendeltreppe zum Dachboden auf und seiner Neugierde sei Dank, wird diese auch sogleich erklommen mit dem Resultat, dass er die Bildtafeln der Bezirksausstellung „St. Peter: Geschichte und Alltag“, die im Herbst 1993 gezeigt wurde, am Dachboden wiederentdeckt. Der Rest ist Geschichte und die Ausstellung als Dauerausstellung im Nachbarschaftszentrum eingerichtet.
Auch zur Kirche weiß Herr Oswald sowohl Geschichte als auch Gschichtln. Es ist unschwer zu erkennen, dass beides eine Leidenschaft von ihm ist. Das Sprichwort „Vom Hundertsten ins Tausendste kommen“ könnte sogar für ihn erfunden worden sein.
So weiß er von einem ehemaligen Bürgermeister von St. Peter zu Zeiten der Ersten Republik zu berichten, der nach der Ermordung von Kanzler Engelbert Dollfuß mit dem damaligen Pfarrer die Errichtung eines Denkmals beschließt. Gesagt getan, 1937 ist das Denkmal fertig, es besteht aus einer Statue des hl. Engelberts samt Zusatztafel in Gedenken an Kanzler Dollfuß und wird an der Nordseite der Kirche errichtet (welche aber bekannterweise dem hl. Petrus geweiht ist). Aber die Ereignisse dieser Zeit überschlagen sich und mit dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland fürchten Bürgermeister und Pfarrer um die Statue und deren Zusatztafel zum Gedenken an Kanzler Dollfuß. Über Nacht verschwindet diese Tafel und ist bis heute auch nie mehr aufgetaucht. Die Statue des hl. Engelberts hingegen ziert noch heute die Nordseite der Kirche St. Peter.
Nach seinem Lieblingsplatzerl befragt, nennt Herr Oswald die zwei Bankerln an der westlichen Außenseite der Friedhofsmauer. Von dort gebe es einen sensationellen Ausblick auf die Stadt Graz, auf den Schöckel, die Gleinalpe, die Koralpe und die Grenzberge zu Slowenien. Sogar die Beleuchtung der Nacht-Skipiste im Pohorje Gebirge (Bacherngebirge) in Slowenien sei im Winter beim Damen Weltcuprennen sichtbar. Für die Beobachtung der „Goldhaube“ (Radarstation des Bundesheeres) auf der Koralm ist allerdings ein Feldstecher notwendig. Auf diesem Lieblingsplatzerl ist er oft mit seiner Mutter gesessen und hat ihrer Lebensgeschichte gelauscht.
Es gibt aber noch ein weiters Platzerl im Bezirk, das alle drei meiner Interviewpartner:innen nennen: die Waldorfschule.
Herr BV Schröttner weist auf die unrühmliche Vergangenheit des Haupthauses der Schule hin, das ehemalige Schloß Messendorf. Dieses wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Zweigstelle des damaligen Feldhofes genutzt, zahlreiche Patient:innen wurden Opfer von Euthanasie. Ihnen zum Gedenken wird gemeinsam mit den älteren Schüler:innen der Waldorfschule ein Denkmal entworfen, gefertigt und aufgestellt. Herr Oswald war an der inhaltlichen Vorbereitung und der thematischen Arbeit mit den jungen Menschen maßgeblich beteiligt, zählt es doch zu seinem Lebenswerk, gegen das Vergessen der Opfer zu wirken.
Ayana bedenkt ihre Schule mit dem Prädikat „cool“ und beschreibt dabei vor allem den Schulgarten gleich neben ihrer Klasse und den Apfelbaum darin, der sich super zum Klettern eignet – sowohl für Anfänger:innen als auch für Fortgeschrittene! Einen Belastungstest hat er auch schon überstanden: es hat fast ihre ganze Klasse Platz am bzw. im Baum.
Ein weiterer Ort im Bezirk, den nicht nur meine drei Interviewpartner:innen sehr schätzen, hat ebenso historisch interessante Wurzeln, wie ich von Herrn Oswald erfahre.
St. Peter bekommt 1929 einen Rundfunksender. Zwei hohe Sendemasten (45 Meter) in der Gegend Nußbaumerstraße – Marburgerstraße werden zum Bezirks-Wahrzeichen und prägen insofern den Bezirk, als rund um sie herum nicht hoch gebaut werden darf, um die Funkverbindung nicht zu beeinträchtigen.
Im II. Weltkrieg kommt dem Sender dann eine große Bedeutung zu und sogar nach dem Krieg wird er noch von der russischen Besatzungsmacht genutzt. „Nachfolge“ dieser Sendeanlage ist das heutige ORF Landesstudio, das – wie noch weitere 7 Landesstudios – vom Architekt Peichl entworfen und wegen seiner Optik auch liebevoll Peichl-Torte genannt wird (siehe Beitragsbild).
Den Park rund um das ORF Landesstudio nennt mir Herr Bezirksvorsteher als sein persönliches Lieblingsplatzerl für den täglichen Spaziergang. Besonders seit der Umgestaltung im letzten Jahr hat der Park sehr viel gewonnen, mit dem urban gardening liegt er außerdem voll im Trend.
Ayana führt ihren Hund gerne im ORF Park spazieren, läßt ihn auf der Hundewiese laufen bzw. schätzt den Spielplatz mit seinen Hügeln und Riesensteinen.
St. Peter ist also ein Bezirk, der tatsächlich – so wie Ayana es trefflich beschreibt: Stadt und Wildnis – wunderbar vereint. Der Bezirk beherbergt Industrie und damit verbunden etliche Arbeitsplätze, bietet aber auch von allen geschätzte Rückzugsorte mit dörflichem Charakter inklusive Bauernmarkt, Wald und Wiesen.
Von: Heidi
30. April 2021
Bild: ORF
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Vielen Dank für die tolle Recherche und die Darstellung der persönlichen Gedanken und Geschichten!
Herr Oberst Manfred Oswald ist ein unermüdlicher Kämpfer für die Schwachen, und er ist ein lebendiges Geschichts-Lexikon. Sein Weitblick ist ausgezeichnet und stets interessant!