Nachbarschaft

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Nachbarschaft

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Im Grazer Friedensbüro ist das Thema Nachbarschaft allgegenwärtig. In diesem Beitrag wollen wir den Begriff Nachbarschaft genauer betrachten und fragen: Was bedeutet es, Nachbar:in zu sein?
Etymologisch lässt sich das Wort bis ins Althochdeutsche zurückverfolgen und setzt sich aus „nahe“ und „Bauer“, im Sinne von (an)bauen zusammen. So gesehen ist der „Nahewohnende“ gemeint. Nachbarschaften ergeben sich zunächst durch räumliche Gegebenheiten. Bernd Hamm definiert Nachbarschaft dahingehend nüchtern als „(…) soziale Gruppe, die primär wegen des gemeinsamen Wohnorts interagiert (…) “ (Hamm 1973, S. 18, zit. nach Schnur 2018, S. 2)
Das Phänomen der Nachbarschaften ergibt sich also spätestens mit der neolithischen Revolution und Sesshaftwerdung der Menschen, woraufhin erste Städtegründungen geschehen. Menschen leben seither dauerhaft nebeneinander und machen sich und andere damit naturgemäß zu Nachbar:innen. Nachbarschaften sind so gesehen eine soziale Tatsache.
Nachbarschaften werden sozial konstruiert: Es gibt nicht die Nachbarschaft, weil die sozialen Gruppen stets gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln, sich neu organisieren und wandeln. An die Begriffe der Nachbarschaft und Nachbarschaftlichkeit sind – meist unausgesprochene – Ideale und Erwartungen geknüpft. Das Bild von Nachbarschaft, das wir im Laufe des Lebens durch unsere Wertvorstellungen und Vorerfahrungen zeichnen, beeinflusst unser Handeln in unserem Wohnumfeld.
Der nachbarschaftliche Tanz dreht sich um die Gegensetze Nähe und Distanz, Rückzug und Aktivität, Anonymität und Beziehung, Identifikation und Abgrenzung sowie aktive und passive Interaktionen. Junge Menschen sind meist mobiler und haben einen größeren Bewegungsradius, im Alter wird unser unmittelbares Wohnumfeld manchmal bedeutender.
Was Nachbarschaften wertvoll macht…
Funktionierende Nachbarschaften können viele Vorteile mit sich bringen: Wir erleben ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl und fühlen uns in unserer Umgebung eingebettet. Selbstwirksamkeitsgefühl setzt ein, wenn wir andere unterstützen und umgekehrt fühlen wir uns gut aufgehoben, wenn wir Hilfe brauchen und auf unsere Nachbar:innen zählen können. Besonders wenn wir in unserem Leben wenig Bezugspersonen haben, kann eine Ansprechperson im Wohnumfeld zum Wohlbefinden beträchtlich beitragen. Das wirkt sich wiederum positiv auf die (psychosoziale) Gesundheit aus (vgl. Giedenbacher et al. 2018, S. 12). Gelebte Nachbarschaften tragen außerdem zu unserem Sicherheitsempfinden bei. Dabei sind selbst flüchtige Begegnungen von Bedeutung, beispielsweise wenn wir uns in der Siedlung begrüßen oder anlächeln.
Welche:r Nachbar:in bist du?
Der Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich zeigt, dass immerhin drei von zehn Personen unbezahlten, informellen Freiwilligentätigkeiten nachgehen, also im Rahmen der Nachbarschaftshilfe Hausarbeiten, handwerkliche Tätigkeiten oder Ähnliches in anderen Haushalten übernehmen (vgl. BMSGPK 2019, S. 28 f.).
In einer Schweizer Studie (Frick/Kwiatkowski/Samochowiec 2022) wurden zuletzt hundert Personen zu ihrer Nachbarschaft befragt, wodurch eine Typologie der Nachbarschaft entwickelt wurde. Es werden vier Typen von Nachbarinnen unterschieden: Die Distanzierten (47 %), Inspirationssucher:innen (30 %), Beziehungspfleger:innen (14 %) und Wertorientierten (9 %).
Die Distanzierten wünschen sich Unabhängigkeit in der Nachbarschaft und Abgrenzung sowie Diskretion sind ihnen ein Anliegen. Im Notfall sind sie hilfsbereit zur Stelle und zweckorientierte Treffen sind für sie in der Nachbarschaft denkbar. Inspirationssuchende sehen in der Nachbarschaft eine Quelle für Austausch und Diskurs. Sie schätzen kollektive, sinnerfüllte Aktionen, bei welchen Vielfalt gelebt wird. Beziehungspfleger:innen (14 %) ist Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl wichtig. Sie engagieren sich aktiv in der Nachbarschaft und sind für ihre Mitmenschen da. Wertorientierte wollen unter Gleichgesinnten leben, die ähnliche Ansichten und Werte vertreten. Flüchtige Kontakte und respektvolle Distanz ziehen sie engen Beziehungen vor (vgl. Frick/Kwiatkowski/Samochowiec 2022, S. 22 ff.)
Wenn es um nachbarschaftliche Begegnung und gelingende Beziehung geht, sind bauliche Voraussetzungen und Architektur von zentraler Bedeutung: „Je nach Gestaltung unserer Architekturen können Beziehungsfelder unterschiedlicher Qualitäten hergestellt werden. Streng architektonisch gesprochen, geht es dabei um die Formulierung einer Beziehung zwischen innen und außen, zwischen öffentlich und privat, zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen mir und meinem Nachbarn.“ (Hederer 2014, S. 39) Billige, hellhörige Bauten mit fehlenden Freiflächen, Begegnungsräumen und Spielplätzen bei gleichzeitig hoher Bebauungsdichte erhöhen das Konfliktpotential in Nachbarschaften beträchtlich.
Nachbarschaftskonflikt als Entwicklungschance
Aushandlungsprozesse sind Teil des Alltags in Nachbarschaften, wenn Personen mit vielfältigen, manchmal entgegengesetzten Bedürfnissen dicht beieinander leben. Daraus resultierende Konflikte bergen Entwicklungspotential: Wir schulen unsere Demokratiefähigkeit, wenn wir unsere Anliegen klären und aussprechen, einander empathisch zuhören, eigene Anteile am Konflikt erkennen und annehmen, Verständnis zeigen, kreative Lösungen suchen, Kompromisse eingehen und einander verzeihen. Das ist nicht immer einfach…
Konflikte im Wohnumfeld sind manchmal sehr belastend und können starke negative Emotionen auslösen. Durch den ausgelösten Stress bleiben uns die Auswege aus schwierigen Situationen verborgen. Dann ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen:
Das Nachbarschaftsservice ist ein kostenlosenloses Angebot zur Konfliktberatung und -vermittlung bei Auseinandersetzungen im Wohnraum in Grazer Mehrparteienhäusern. Im Gespräch schilderst du zunächst dein Problem und Anliegen. Mitarbeiter:innen hören zu und fragen nach Bedürfnissen und Ressourcen, um dann gemeinsam mit dir Lösungswege zu skizzieren und erste Schritte zu planen. Wohnpartner Wien bietet für die Bundeshauptstadt ein vergleichbares Angebot. Online findet sich das 1×1 der guten Nachbarschaft, als Reflexionsangebot für ein friedliches Zusammenleben. Falls du dich in deinem Wohnumfeld engagieren möchtest und Aktivitäten initiieren möchtest, findest du hier anregende Ideen. Denn: In einer individualisierten, alternden Gesellschaft können Nachbarschaften als zivilgesellschaftliche Unterstützungsnetzwerke zu unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit beitragen und nicht zuletzt große Freude bereiten!
Literatur
BMSGPK – Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (Hrsg.) (2019): 3. Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich. Online unter: https://www.sozialministerium.at/dam/jcr:09a91d5a-af64-4290-a243-62974551865e/Frewilligenbericht%202019.pdf [03.08.2022].
Frick, Karin/Kwiatkowski, Marta/ Samochowiec, Jakub (2022): HALLO NACHBAR:IN. Die große Schweizer Nachbarschaftsstudie. GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Rüschlikon.
Hederer, Franziska (2014): Orte der Raumaneignung. Räume einer lebendigen Nachbarschaft. In: Arlt, Florian; Gregorz, Klaus; Heimgartner, Arno (Hrsg.): Raum und Offene Jugendarbeit. Lit-Verlag (Soziale Arbeit – Social Issues, 18), S. 39-48. Wien.
Giedenbacher, Yvonne et al. (2018): Aus Erfahrungen lernen. Gesundheitsförderung und soziale Teilhabe von Familien und älteren Menschen in Nachbarschaften. Ein Handbuch zur Initiative „Auf gesunde Nachbarschaft!“. Fonds Gesundes Österreich, ein Geschäftsbereich der Gesundheit Österreich GmbH. Wien.
Schnur, Olaf (2018): (Neue) Nachbarschaft. Skizze eines Forschungsfelds. Nr. 23/Sept. 18. vhw-Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. Berlin.
Von: Viktoria
10. August 2022
Bild: Heidi Bassin
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