Es ist Winter. Draußen ist es kalt. In der Laudongasse 3 sitzen Bewohner:innen in einer vom Friedensbüro angemieteten Wohnung unter derselben Adresse, auf provisorisch aufgebauten Sitzmöbeln bei Kerzenschein und trinken gemeinsam Kaffee. Die Wohnung ist nackt, sie wurde gerade erst bezogen, der Strom ist noch nicht angemeldet. Der Gemeinschaft tut das alles keinen Abbruch. Im Gegenteil. Der leere Raum weckt Ideen und inspiriert zu kreativem Tätigwerden.

Seit fast einem Jahr ist die Mobile Stadteilarbeit des Friedensbüro in der Laudongasse und arbeitet mit den Bewohner:innen gemeinschaftsfördernd und ressourceno rientiert. Das Angebot zu regelmäßigen Nachbarschaftstreffen findet großen Anklang. Und obwohl manche Bewohner:innen bereits vor Tätigwerden des Friedensbüro Nachbarschaftskontakte pflegten, haben sich mit der Arbeit der Mobilen Stadtteilarbeit die Verbindungen unterschiedlicher sozialer Netzwerke im Wohnumfeld ausgebaut und verstärkt. Ursula Hauszer, die das Projekt leitet, bemerkt, dass auch Menschen, die zuvor keinen nachbarschaftlichen Kontakt suchten oder fanden, das Team der Stadtteilarbeit vor Ort aufsuchen. „Wir freuen uns über rege Teilnahme, allerdings ist es uns ebenso wichtig, dass niemand einen Druck verspürt dieser Einladung zu folgen. Wir haben nicht den Anspruch, bei jedem Treffen die gesamte Nachbarschaft zu versammeln. Uns ist wichtig, dass die Bewohner:innen unser Angebot auch als Kommunikationsgefäß verstehen, wenn sie vielleicht kein Interesse an gesellschaftlichem Austausch, aber Fragen in Bezug auf Unterstützungsleistungen jeglicher Art haben.“

Diejenigen, die die Gemeinschaft leben erstaunen mit ihrer Bereitschaft zu geben. Denn sie sitzen hier, in einer noch leeren Wohnung, in der kollektiv das Bedürfnis nach funktionaler, behaglicher und kreativer Gestaltung wach wird.  Die Bewohner:innen halten nach kostenfreien und brauchbaren Möbeln Ausschau und suchen aktiv nach Möglichkeiten selbstständig und ohne großen finanziellen Aufwand eine funktionierende Küche zu installieren. „Jede einzelne Person ist ein Universum. Jede Person hat Ressourcen, auch wenn diese nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich sind“, weiß Ursula Hauszer. Und im gemeinsamen Prozess des Schaffens, entfalten sich ganz individuelle Potentiale, in der das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Der Rhythmus wird von den Bewohner:innen vorgegeben. Die Mobile Stadtteilarbeit unterstützt mit Inputs und Ideen und leitet behutsam einen Prozess, der nie starr, sondern bedarfselastisch ist. Ursula Hauszer spricht in diesem Zusammenhang von Luftballons starten, wenn ein Prozess in Gang kommt und sich ergebnisoffen entwickelt. Manchmal steigt ein solcher Luftballon hoch hinauf, manchmal aber platzt er und es wird ein neuer gestartet. Wichtig dabei ist, dass jeder Mensch, der sich in diesen Prozess einbringt, gehört und gesehen wird. Das Team des Friedensbüro ist dann gefragt, viele unterschiedliche Meinungen und Ideen auf einen Boden zu bringen, der für alle passt. Beim gemeinsamen Kochen mit den Nachbarn lässt sich das sehr anschaulich darstellen. Menschen und ihre Geschmäcker bzw. Essensvorlieben sind verschieden. Hinzu können auch Unverträglichkeiten einzelner Personen kommen und am Ende geht es darum ein Gericht zu servieren, das für alle passt. Das Gericht wird gemeinsam zubereitet und nicht von uns vorgegeben bzw. umgesetzt. „Wenn wir Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg treffen, dann werden sie – um im Sinnbild des Essens zu bleiben – auch satt werden, aber sie haben nicht erlebt, wie großartig es ist etwas gemeinsam zu machen,“ ist Hauszer überzeugt.

Ein wichtiger Grundsatz lautet daher, MIT den Menschen und nicht FÜR die Menschen zu arbeiten. Im Kontext dieser Arbeit bedeutet Begegnung immer auch ein gegenseitiges Lernen voneinander.

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Von: Anna

7. Februar 2024

Bild: privat

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