
We just want piece
Foto: Friedensbüro Graz
We just want piece: ein paar Gedanken
Unser Blog

Foto: Friedensbüro Graz
Unser Blog
Never again Peace, lautet der diesjährige Titel des Steirischen Herbst, das dem Theaterstück Nie wieder Frieden des deutsch-jüdischen Schriftstellers und Antifaschisten Ernst Troller entlehnt ist. Troller greift darin den pazifistischen Slogan „Nie wieder Krieg“ der Zwischenkriegszeit auf und verkehrt ihn ins Gegenteil, um nicht nur den Frieden selbst, sondern auch die Bedingungen seines Bestehens zu hinterfragen.
Betritt man den Innenhof der ehemaligen Destillerie Bauer – die dieses Jahr das Festivalzentrum unter dem Namen „BAU“ beherbergt, kommt man an folgender, in Stein gemeißelter, Schrift nicht vorbei: We just want piece vom ukrainischen Künstler Illya Pavlov ist dort zu lesen.
Das piece irritiert: es ist dem peace phonetisch nahe, aber inhaltlich fern. Wir bleiben mit der Frage zurück, in welche Verbindung und in welchen Bedeutungskontext wir die beiden Begriffe zueinander bringen können.
In einer weltpolitischen Lage, die viel Unsicherheit und drohende Destabilisierung mit sich bringt, wird nicht nur der Ruf nach Frieden laut, sondern auch der Ruf sich ein Stück des Kuchens zu holen. Dort wo wir politisches und vielleicht auch ein soziales Vakuum wahrnehmen, dort wo wir Angst haben den Boden unter den Füßen zu verlieren, sind wir zunehmend gefordert außerhalb der bipolaren Sichtweise von Gewinner und Verlierer zu denken. Wir sind anfälliger für das Bedürfnis nach Abgrenzung zu denjenigen, von denen wir denken sie gehören nicht zu unserer Wertegemeinschaft oder zu jenen, die unseren gemeinschaftlichen Zielen hinderlich sein könnten. In Zäunen und Mauern entlang von Staatsgrenzen wird das nicht nur symbolisch sichtbar.
Fühlen wir unsere eigene Existenz unmittelbar bedroht, laufen wir Gefahr jeglichen moralischen Anspruch zu verlieren. Dies deuten Hamsterkäufe von Klopapier in der Coronazeit an und zeigt sich ungeschminkt bei Plünderungen und Gewaltexzessen in politischen oder ökologischen Ausnahmezuständen. Wir nehmen, was wir kriegen können. Der Olivenzweig, den der Künstler Illya Pavlov dem Wort piece unterlegt, verwandelt sich in einen Lorbeerzweig, der das Wort piece mit der Symbolkraft des Gewinns und des Sieges schmückt.
Die gute Nachricht aber ist, dass das Spannungsfeld politischer, ökologischer und ökonomischer Unsicherheit auch unser tiefes Bedürfnis nach Frieden stärkt, hervorbringt und Fragen aufwirft: ist dieser Friede, den wir wollen und von dem wir feststellen müssen, dass er etwas sehr Fragiles darstellt, in seiner Gesamtheit überhaupt zu erreichen? Oder sind es nur Fragmente, also pieces, die wir erhalten können?
Hierbei dürfen wir den selbstermächtigenden Aspekt nicht unberücksichtigt lassen, dass wir alle die Möglichkeit haben, aktiv Frieden zu leisten und ihn zu gestalten. Theoretisch freuen wir uns über unsere Handlungsmacht. Praktisch verorten wir die Herstellung und den Erhalt des Friedens dann doch allzu oft in der Verantwortung der anderen.
Meine berufliche Erfahrung mit Nachbarschaftskonflikten zeigt, dass sich hinter dieser vermeintlich fehlenden Verantwortungsbereitschaft, oftmals ein Ringen um die Frage, nach dem Wie verbirgt: Wie kann ich einen Beitrag zum Frieden leisten?
Für mich eine sehr motivierende Frage, die ich zugleich auch als meine Aufgabe sehe: nämlich die Bereitschaft zur Gestaltung am Frieden aufzugreifen und den Menschen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, die sie in ihrem Lebens- und Wohnumfeld selbstbestimmt und ganz konkret zur Anwendung bringen können. Ganz nach dem Motto: wir ernten, was wir säen.
Und damit kommen wir zurück zum steirischen Herbst, der heuer eine gehaltvolle Ernte vieler großartiger künstlerischer Beträge in der Auseinandersetzung um das Spannungsfeld von Krieg und Frieden einbringt. Schön wenn wir dabei die Provokation „never again peace“ als Handlungsauftrag im Dienste des Friedens und seines Bestehens begreifen.
Von: Anna
9. Oktober 2025
Bild: Friedensbüro Graz
Wir informieren Sie, wenn ein neuer Blogbeitrag erscheint.



Ein toller Beitrag über ein tolles Kunstwerk! Danke!
Sehr guter Text💐👌