Lerne ich gerne Neues über den Umgang mit Konflikten, weil ich Mediatorin bin, oder bin ich Mediatorin, weil ich Konflikte besser verstehen und daran wachsen möchte?
Wohl beides.
Momentan befasse ich mich mit einem Basic-Aspekt und bin überrascht, wie viel ich hier noch lernen kann: das Zuhören.

Bevor wir uns mit Parteien in einem Nachbarschaftskonflikt gemeinsam an einen Tisch setzen, fragen wir ihre Bereitschaft ab, dem Gegenüber auch zuhören zu wollen. In den meisten Fällen ist die Antwort „ja“ und wir organisieren ein gemeinsames Gespräch. Immer wieder erleben wir, dass das Zuhören dann doch schwieriger ist, als gedacht. Dieses Phänomen kennt vermutlich jede/r.

Was ist Zuhören eigentlich und können wir es bewusst gestalten?

Es wäre viel gewonnen, wenn der Empfänger – bevor er seinen «eigenen Senf» dazu gibt – zunächst einmal in der Lage wäre, sich präzise in die Welt des anderen einzufühlen und diese Welt gleichsam mit dessen Augen zu sehen. – Friedemann Schulz von Thun

Wikipedia erklärt Zuhören folgendermaßen:
Zuhören bedeutet, dass zum rein körperlichen Vorgang des Hörens zusätzlich die Aufmerksamkeit auf das akustische Signal gerichtet wird. Neben der akustischen Botschaft würden aber auch visuelle Reize sowie Informationen über die Schallquelle und die soziale Situation verarbeitet.

Der Duden kennt zwei Bedeutungen:
a) (etwas akustisch Wahrnehmbarem) hinhörend folgen, ihm seine Aufmerksamkeit zuwenden
b) anhören; mit Aufmerksamkeit hören; hörend in sich aufnehmen

Bernhard Pörksen beschreibt in seinem Buch „Zuhören – die Kunst sich der Welt zu öffnen“ unter anderem unsere Fähigkeit, einander in einem Gespräch „innere Gastfreundschaft“ anzubieten. Das bedeutet, mit unserem „Du–Ohr“ unser Gegenüber wirklich hören zu wollen und hören zu können; sich der Andersartigkeit zu öffnen. Demgegenüber steht das „Ich-Ohr“, das nur wahrnimmt, was in das eigene Weltbild passt.

Zusammengefasst und vereinfacht ergibt sich, dass Zuhören ein physischer Vorgang ist, bei dem man die Aufmerksamkeit auf das Gehörte lenkt und dieses in sich aufnimmt. Es braucht also zusätzlich zu dem Vorgang, der automatisch passiert, noch zwei bewusste Hinwendungen (Aufmerksamkeit und Aufnehmen), damit das Gehörte ankommen kann.

Positiv beflügelt vom Bild der „inneren Gastfreundschaft“ komme ich zu einem Termin mit einem Kollegen. Unsere Erinnerungen zur Terminkoordinierung sind gänzlich unterschiedlich. Das merken wir daran, dass wir unterschiedliche Dinge vorbereitet haben und verschiedene Zeiträume für das Treffen freigehalten haben. Nun weiß ich nicht mehr – habe ich das gehört, was mein Gegenüber gesagt hat? Hat er vielleicht nur mit dem Ich-Ohr zugehört? Oder habe ich nur das gehört, was ich im Moment am besten hören konnte? Während diesem Ringen um den „wahren“ Sachverhalt, ist das gemütliche Bild der inneren Gastfreundschaft schnell verblasst.

Um jemanden als Gast bei sich einzulassen, muss man die Türe öffnen. Dazu muss man bereit sein; sich ausreichend wohl fühlen; sich für den Gast Zeit nehmen wollen und können.
In der Situation mit meinem Kollegen spüre ich plötzlich diese Türe. Und, dass es einen willentlichen Akt braucht, diese wirklich zu öffnen.

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Zur selben Zeit erfahre ich von einer Konferenz zum Thema „Demokratie“. Ein Programmpunkt dieser Konferenz wird mit der Methode „Sprechen und Zuhören“ moderiert, was zunächst komisch für mich klingt.

Doch wenn ich weiter darüber nachdenke und auch der Situation mit meinem Kollegen noch nachspüre, möchte ich mir die Hervorhebung davon zu Herzen nehmen:

Das Sprechen und Zuhören etwas weniger als selbstverständlichen Akt der Kommunikation betrachten.

Dafür etwas mehr Bewusstheit über meine eigene innere Gastfreundschaft.

Und Dankbarkeit, für die innere Gastfreundschaft, die mir Gesprächspartner entgegenbringen.

Als Kinder lernen wir sprechen, als Erwachsene sollten wir lernen zuzuhören. – Franziska Friedl

 

Bild Frau mit Schild: freepik

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Von: Katharina

25. November 2025

Bild: freepik

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