„Das Geheimnis einer guten Nachbarschaft ist einfach. Man muss sich mögen. Weil dann verzeiht man sich einiges. Wir müssen daher lernen uns wieder zu mögen, weil wir aufeinander angewiesen sind.“ Nathalie Knapp
Ich höre die Sendung Von der Fülle und den Urkräften des Lebens: Johannes Kaup im Gespräch mit Natalie Knapp auf Ö1. Mit der Aussage über Nachbarschaft findet die Philosophin Natalie Knapp nicht nur ein Rezept im Umgang mit Menschen aus dem unmittelbaren Wohnumfeld, sondern auch eines, das meines Erachtens für die vielen sozialen, globalen und ökologischen Krisen dieser Welt Anwendung finden sollte.
Ein neues Jahr hat begonnen und in den wenigen Tagen seiner jungen Existenz sehen wir das Voranschreiten von Rückschritten. Zivilisatorische Errungenschaften wie die Menschenrechte und das Völkerrecht werden auf der internationalen Politikbühne zunehmend missachtet. Die Stärke des Rechts weicht dem Recht des Stärkeren und wird schleichend zur neuen Normalität. Ich merke, wie sich in meinem Widerstand diese anzuerkennen, Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Angst und auch Hilflosigkeit breit machen. In mir bildet sich ein Weltschmerz ab. Ihn zu verdrängen lässt ihn nicht verschwinden.
Dieses Gespräch liefert mir einen wichtigen Impuls im Umgang mit derlei Gefühlen. Radikale Akzeptanz ist das Schlagwort! Sie ist laut Natalie Knapp der Samen, der einen fruchtbaren Neuanfang keimen lässt.
Gehen wir in die Vermeidung und versuchen unmittelbar wieder die Kontrolle über eine Situation zu erlangen, können wir nur jenes Wissen zur Anwendung bringen, über das wir zu diesem Zeitpunkt bereits verfügen. Um die Kontrolle nicht zu verlieren, brauchen wir unsere Energie um sie zu steuern. Bedauerlicherweise fehlt sie uns dann aber in der Gestaltung eines Veränderungsprozesses.
Was uns hilft und im Durchleben des schmerzlichen Aktes der radikalen Akzeptanz auffängt, sind laut Knapp die menschlichen Urkräfte wie Vertrauen, Hoffnung, Liebe, Akzeptanz und Lebendigkeit. Nicht immer sind wir uns dieser Urkräfte bewusst. Sie sind aber jedem – zumindest durch kleine Erfahrungen – zugänglich. Im Alltag werden sie manchmal auch als selbstverständlich hingenommen. Daher lohnt es sich uns bewusst zu machen, dass sie in uns angelegt sind, um überhaupt lebensfähig zu sein. Denn wie könnten wir unser Leben bewältigen, wenn wir nicht auf die Schwerkraft vertrauen oder auf unsere Mitmenschen im Stadtverkehr?
Was mich an diesem Gespräch auch sehr berührt hat, ist, dass uns Knapp zu einem planetaren Denken einladen möchte. Wir Menschen und die Erde haben verlernt einander zuzuhören. Die Erde spricht eine Sprache, die unseren Körper und unsere Sinne erreicht. Sie spricht über die Vier- Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zu uns. Wir Menschen hingegen verschreiben uns zusehends einer mentalen Kultur, die alle Probleme aus dem Kopf lösen möchte und einer Technikgläubigkeit verfällt, die auf die ungeheure Intelligenz, die sich aus den unterschiedlichen Lebensformen dieser Erde speist, vergisst.
Die Welt bildet sich in uns ab. Wir stehen mit ihr in Beziehung. Die allermeisten von uns nehmen keinen unmittelbaren und direkten Einfluss auf ihre großen Umwälzungen. Dennoch sind wir handlungswirksam: die einen mit einem größeren, die anderen mit einem kleineren Wirkungskreis. Unabhäng der Reichweite, können wir die fünf Urkräfte, von der Natalie Knapp spricht, als wichtige Gestaltungskraft unserer Einflussnahme verstehen. Denn wir müssen lernen uns wieder zu mögen. Also fragen wir uns doch einfach: Womit kann ich dein Leben bereichern, liebe Nachbarin?