In den letzten Beiträgen haben wir uns damit befasst, welche Formen Gewalt annehmen kann. Häusliche Gewalt, Vernachlässigung, Psychische Gewalt, Sexualisierte Gewalt – die Liste ist lang. Interessant ist jedoch auch, was dahintersteckt. Wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen Gewalt ausüben? Was spielt sich in Menschen ab, wenn sie Gewalt ausüben? Und welche Faktoren könnten dafür verantwortlich sein, dass manche Menschen eher zu Gewalt neigen als andere?

Den Faktor, der für Gewalt verantwortlich ist, gibt es nicht. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das das Zustandekommen von gewalttätigem Verhalten begünstigt. Um zunächst ein wenig besser zu verstehen, wie der Impuls zu Gewalt im Großen und Ganzen zustande kommt, wollen wir uns jedoch erst einmal ansehen, wie diese funktioniert.

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Jeder Mensch besitzt im Gehirn eine Art neuralen Schaltkreis für Gewalt. Dieser existiert aus evolutionären Gründen: Um sich vor Bedrohungen zu schützen, um das eigene Revier zu verteidigen und um Nahrung für sich und die eigene Familie zu sichern. Ähnlich wie andere Triebe, also zum Beispiel Hunger, Durst und Sexualverlangen, ist auch Gewalt größtenteils im unbewussten Teil des Gehirns verankert. Vorrangig ist Gewalt also nicht von rationalem Denken gesteuert, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren, die den starken Impuls zu gewalttätigem Verhalten verstärken und auslösen. Wicht ist also: Während jede:r das Potential hat, Gewalt anzuwenden, so unterscheiden sich Menschen doch in der Häufigkeit, mit der sie dies tun. Ebendiese Häufigkeit, oder auch die Neigung zu gewalttätigem Verhalten, ist es, die durch diverse Faktoren innerhalb und außerhalb von Personen beeinflusst wird.

Nach wie vor hält sich der Mythos, dass mentale Erkrankungen der Hauptgrund für gewalttätiges Verhalten sind. Tatsächlich ist dem nicht so: Während die Forschung hinsichtlich des Zusammenhangs von psychischen Erkrankungen und Gewalt keine eindeutigen Schlüsse nahelegt, kann vor allem Substanzmissbrauch einen großen Teil von ausgeübter Gewalt erklären. Unabhängig davon, ob eine Person psychisch krank ist oder nicht, kann der Konsum von Alkohol oder bestimmten Drogen dazu führen, dass diese sich gewalttätig verhält. Verantwortlich hierfür ist die Beeinflussung des Urteilsvermögens und der emotionalen Regulationsfähigkeit.

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Auch Alter und Geschlecht sind wesentliche Faktoren, was die Auftretenshäufigkeit von Gewalt angeht. Jüngere Personen neigen eher dazu, Gewalt anzuwenden, als ältere. Auch das Geschlechterverhältnis ist sehr unausgeglichen: Weitaus mehr Männer als Frauen tendieren dazu, sich gewalttätig zu verhalten. Auch hier ist jedoch nicht das Geschlecht allein ausschlaggebend, sondern eine weitere Liste internaler und externaler Wirkkräfte. Weitere biologische Faktoren wie etwa biologische Prädispositionen (Veranlagungen) können ebenfalls die Neigung zu Gewalt verstärken. So können etwa Personen mit fetalem Alkoholsyndrom oder Menschen, die pränatale oder entwicklungsbedingte Schäden an ihrer Amygdala oder ihrem präfrontalen Kortex erlitten haben, ebenfalls mehr zu gewalttätigem Verhalten oder impulsiver Aggression tendieren. Abweichende Gehirnfunktionen in diesen Regionen beeinflussen beispielsweise die Sensitivität gegenüber Provokationen oder die Kontrolle von Emotionen und Impulsen.

Schließlich spielen auch externale Faktoren wie etwa eine von Gewalt geprägte Kindheit und Jugend, gewalttätige Lebensumfelder sowie auch erlebte Gewalt in Paarbeziehungen eine große Rolle. Diese erlebte Gewalt kann nicht nur in Traumata enden, sondern auch bedingen, dass die Betroffenen sich später selbst gewalttätig verhalten und somit den Kreislauf der Gewalt weiterführen. Auch sozioökonomische Faktoren können Gewalt begünstigen und hervorrufen. Menschen aus ärmeren Haushalten, arbeitslose Personen oder Obdachlose können etwa aufgrund verstärkter emotionaler Belastung ein höheres Bedürfnis nach Gewalt erleben.

In diesem Beitrag haben wir uns vorrangig mit impulsiver Gewalt beschäftigt, also solcher, die nicht im Vorhinein geplant wurde, sondern als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung oder Provokation stattfindet. Es gibt jedoch auch genügend Fälle, in denen Gewalt vorsätzlich ausgeübt wird. Hier laufen völlig andere Prozesse ab, die wir im nächsten Beitrag genauer beleuchten.

 

Quellen:
https://www.ebsco.com/research-starters/religion-and-philosophy/psychological-causes-and-effects-violence
https://www.alliant.edu/blog/importance-psychology-violence
https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-new-brain/201604/the-science-of-violence
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK356335/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5460055/

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Von: Miriam

24. September 2026

Bild: Foto von Rock Staar auf Unsplash

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