In der achtsamen Innenschau begegnen wir uns selbst. Eine Begegnung die zur Bedingung für ein achtsames In-Beziehung-Treten zu anderen Menschen wird. Wenn wir mit uns verbunden sind und uns mit unseren Stärken und Schwächen annehmen, so gelingt es uns auch, unseren Mitmenschen Verständnis und Mitgefühl entgegenzubringen. Eine Achtsamkeitspraxis wie sie vom Zenmeister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh gelehrt wird, bildet die Grundlage für eine wirksame Kommunikation. In seinem Buch Achtsam sprechen – Achtsam zuhören. Die Kunst der bewussten Kommunikation, beschreibt er zwei wesentliche Schritte, die uns helfen ohne Missverständnisse, dafür mit Verständnis und Mitgefühl zu kommunizieren. Der erste Schritt ist das achtsame Zuhören. Der zweite, das liebevolle Sprechen.

„Achtsames Zuhören und liebevolles Sprechen sind die besten Instrumente, die ich kenne, um einen Kontakt zu anderen herzustellen, die Kommunikation zu verbessern oder wieder in Gang zu bringen und das Leiden zu mindern.“ (TNH, 41)

Achtsames Zuhören ist nur von einer Absicht getragen, nämlich jener, einem Menschen zu helfen, weniger zu leiden. Das Zuhören ist mitfühlend und nicht beurteilend. Kommen Urteile in uns auf, so halten wir daran nicht fest. Dies gelingt uns, weil wir gelernt haben uns selbst zuzuhören. Wir alle erinnern uns an Gespräche, in denen uns das Gegenüber mit Vorwürfen, Schuldzuweisungen, Ärger und Wut begegnet. Ohne unsere Achtsamkeitspraxis erwachsen in uns auch ebensolche Gefühle, die nicht selten zu Eskalation führen. Tragen wir die Energie des Mitgefühls in uns, so können wir dem Sturm der negativen Emotionen Stand halten. Wir können der Person Zeit geben alles auszusprechen, was ihr wichtig ist. Sodann fühlt sie sich gehört und ihre Anspannung kann sich lösen.

Selbstverständlich sind wir nicht immer in der Lage, anderen achtsames Gehör zu schenken. In diesem Falle empfiehlt es sich, der Person das mitzuteilen und einen anderen Zeitpunkt der Unterhaltung auszumachen. Aus dieser Praxis kann etwas sehr Schönes erwachsen: nämlich Verständnis und Liebe.

„Ich definiere Glück als die Fähigkeit, zu verstehen und zu lieben, denn ohne Verständnis und Liebe wäre Glück unmöglich.“(ebd. 44)

Der zweite wichtige Schritt in der achtsamen Kommunikation ist das liebevolle Sprechen. Es beinhaltet keine gewalttätigen, bösen oder aggressiven Worte, die anderen Leid zufügen. Da diese Art des Sprechens allerdings nicht unserer Gewohnheit entspricht, bedarf es einiger Übung. Thich Nhat Hanh spricht in seinem Buch von vier Richtlinien, deren Einhaltung liebevolles Sprechen möglich machen:

„Spreche Sie die Wahrheit. Lügen Sie oder verdrehen Sie die Wahrheit nicht.

Übertreiben Sie nicht

Seien Sie konsequent. Das bedeutet, kein doppelzüngiges Gerede. Sprechen Sie nicht mit einem Menschen über einen Sachverhalt in einer und mit einem anderen in gegenteiliger Weise, um des eigenen Vorteils willen oder um andere zu manipulieren.

Verwenden Sie eine friedvolle Sprache. Benutzen Sie keine beleidigenden oder gewalttätigen, grausamen, verdammenden Worte, begehen Sie keinen verbalen Missbrauch.“ (ebd. 50)

Das achtsame Zuhören und das liebevolle Sprechen sind die zwei wichtigsten Elemente für achtsame Kommunikation. Beziehungen aller Art werden durch diese Praxis gestärkt. Nachbarschaften können zur wertvollen Gemeinschaft werden, in denen sich Menschen gegenseitig unterstützen und aufeinander achtgeben. Dass Nachbarschaften nicht immer vom friedvollen und glücklichen Mit- und Nebeneinander geprägt sind, zeigen vielseitige Belastungen des Zusammenlebens. Unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensstile schaffen Konflikte. Spüren wir ein Problem aufkommen, sind wir verärgert und wütend, wollen wir das auch unserem Gegenüber mitteilen. Wenn wir im Ärger kommunizieren, sind wir nicht klar und lösungsorientiert. Wir sollten unseren Ärger auch nicht ignorieren:

„Achtsames Atmen hilft uns, unseren Ärger zu erkennen und sanft auf ihn einzugehen. Die Achtsamkeitsenergie umarmt die Energie des Ärgers oder der Wut. Wut ist eine starke Energie, und vielleicht müssen wir eine Weile mit ihr sitzen. Um Kartoffeln gar zu kochen, muss die Flamme unter dem Topf mindestens 15 oder 20 Minuten brennen. Das gilt auch für die Achtsamkeitspraxis, wenn wir mit ihr die Wut umarmen. Wir müssen das einige Zeit tun, denn die Wut braucht eine ganze Weile, bis sie weich wird.“ (ebd. 84)

Das Bild weichkochender Kartoffeln bildet eine schöne Metapher für die Handlungsoptionen, die wir haben, um unsere Energie sinnvoll einzusetzen. Wenn man außerdem bedenkt, dass Kartoffeln nach dem Kochen noch einige Zeit abkühlen sollen, bevor man sie wieder berührt, dürfen wir unseren Emotionen mehr Zeit und Raum geben. Gelingende Kommunikation kann dann Ergebnis dieser achtsamen Haltung, uns und unseren Mitmenschen gegenüber sein.

 

Von: Anna

27. Juni 2022

Bild: Heidi Bassin

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