Ja, es liest sich überraschend: Mit 18 Jahren, wenige Wochen nach der Matura, habe ich plötzlich meine Koffer gepackt und bin zu meiner Auslandsdienst-Stelle geflogen – nach Guatemala. Eine große Entscheidung, die nicht einfach, aber doch die richtige war: Zivildienst einmal anders:

Foto: Lucas Schreyer

Mein Einsatz begann im September vergangenen Jahres. Aller Anfang ist nicht einfach, und es hat auch einige Wochen gebraucht, bis ich mich an die neuen Lebensumstände gewöhnt habe. Der Ort, der für die folgenden zehn Monate mein Lebensmittelpunkt und meine Arbeitsstelle werden sollte nennt sich Santa Rosita, ein sehr armes Viertel in der sonst reichen Zone 16 von Guatemala-Stadt. Keine 300m weiter befindet in eine der exklusivsten Zonen ganz Lateinamerikas wo sich ein teures Markengeschäft, ein Luxushotel und ein Nobelrestaurant an das andere reihen. Mit dem großen Unterschied zwischen arm und reich hätte ich so nie gerechnet. Da ich Freunde und Bekannte sowohl aus der wohlhabenderen Schicht (die in Guatemala-Stadt überraschenderweise doch ca. ein Viertel der Bevölkerung ausmacht) als auch aus anderen Bevölkerungsschichten hatte, ist mir dieser große Unterschied in Guatemala besonders stark aufgefallen.

Foto: Lucas Schreyer

Die „Casa ASOL“ ist ein Jugend- und Bildungsheim, in dem Jugendliche untergebracht sind, die alle aus ländlichen Gemeinden und größtenteils auch aus Gefahren- oder Gewaltsituationen kommen. Der besondere Fokus liegt dabei auf der Unterstützung von Kindern und vor allem Mädchen aus den indigenen Kulturen Guatemalas, welche heute noch mehr als die Hälfte der Einwohner ausmachen, aber vom nicht-indigenen Teil der Bevölkerung zum Teil massiv diskriminiert und benachteiligt werden. Indigene Kinder in Guatemala haben trotz des kostenlosen Grundschulbildungssystems kaum Chancen auf eine gute Ausbildung, zumal ein Großteil der indigenen Bevölkerung am Land lebt, wo es im Gegensatz zur Hauptstadt massiv an Möglichkeiten fehlt. Jedes Kind hat einen oder mehrere Paten/Patinnen in Österreich, die ihm die Ausbildung und die laufenden Kosten in ASOL bis zur Matura finanzieren. ASOL und SoL Steiermark haben es sich zum Ziel gesetzt, unter anderem über dieses Modell einen Schritt gegen die Ungerechtigkeit und gegen die Armut in Guatemala zu setzen. Viele Absolventen von ASOL haben bereits einen Universitätsabschluss und sind unter anderem als Ärzte, Anwälte oder Lehrer tätig.

Foto: Lucas Schreyer

Als Auslandsdiener habe ich diese Jugendlichen bei ihren täglichen Aufgaben unterstützt. Dazu gehörte die Begleitung am Schulweg und zu Arztterminen, tägliche Hilfe bei den Hausaufgaben und beim Lernen, Englischunterricht und die wöchentliche Sportstunde. Das knappe Budget von ASOL lässt größere Unternehmungen leider nur selten zu, aber doch konnten wir einen gemeinsamen Ausflug in die nahegelegene Stadt Antigua Guatemala samt Museumsbesuch und Wanderung sowie kleinere Ausflüge innerhalb der Hauptstadt, so etwa einen Kinobesuch, auf die Beine stellen. Zusätzlich haben die Kinder an einem Bäckereiunterricht teilgenommen, welcher an den Samstagen direkt in den Räumlichkeiten des Schülerheims abgehalten wurden und wo ich als Zivildiener Unterstützung leisten durfte. Die Arbeit mit den Jugendlichen stand stets im Vordergrund, vormittags während der Schulzeit habe ich aber auch das administrative Team von ASOL unterstützt. Während den guatemaltekischen Schulferien hatte ich die Chance und Ehre, gemeinsam mit meinem Kollegen zwei der Familien der Jugendlichen über mehrere Tage zu Hause zu besuchen und die dortigen, von Armut und Abgeschiedenheit geprägten Lebenswelten kennenzulernen.

Neben der Arbeit ist auch das Reisen in Lateinamerika nicht zu kurz gekommen und so konnte ich in meiner Urlaubszeit und auch nach Dienstende im Juli Mexiko, Honduras, Belize und natürlich einige wunderschöne Landstriche Guatemalas besuchen.

Die vergangenen Monate waren eine unbeschreiblich schöne Erfahrung. Ich konnte so viele Eindrücke sammeln und mein Weltbild verändern, wie ich es im regulären Zivil- oder Präsenzdienst in Österreich nie machen hätte können. Ich danke allen, die mich bei meinem Einsatz unterstützt haben, und ganz besonders der Stadt Graz für die großzügige Förderung.
Mehr Informationen über das Projekt „Casa ASOL“ sowie Informationen zur Anmeldung als AuslandsdienerIn oder Pate/Patin: asol.serendipity.at

Ein Beitrag von Lucas Schreyer (Stipendium 2022)

Foto: Lucas Schreyer

Foto: Lucas Schreyer

2 Kommentare

  1. Barbara Kasper 15. Februar 2024 at 9:42 - Reply

    Danke, lieber Lucas Schreyer! Es ist schön, wenn eine karge Abstimmung im Vorstand mit so viel Leben gefüllt zurück kommt.
    Alles Liebe weiterhin!

    Barbara Kasper, Vorsitzende Vorstand

  2. Veronika Rochhart 19. Februar 2024 at 16:03 - Reply

    Eine tolle Art, den Zivildienst zu leisten! Für solche friedensstiftende Aktivitäten sollten wir mehr Steuergelder ausgeben. Die Anschaffung neuer Panzer um 1,8 Milliarden ist hingegen blanker Unfug.Würde mich interessieren, wie viel Jahrzehnte Friedensdienst man mit 1,8 Milliarden finanzieren könnte……

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Von: Gast

15. Februar 2024

Bild: Lucas Schreyer

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