Beim diesjährigen GEA-Pfingstsymposium zum Thema Frieden hatten meine Kollegin Anna und ich die Gelegenheit mit Jo Berry zu sprechen. Sie hat einen unglaublichen Weg hinter sich … und wie sie sagt: auch noch weiterhin vor sich.
An dieser Stelle nur ein paar kurze Eckdaten zu ihrer Geschichte – es gibt an anderer Stelle gute Informationen um sich weiter zu vertiefen (siehe unten):

Jo Berry war 27 Jahre alt, als ihr Vater 1984 bei einem Bombenanschlag auf die britische Regierung ums Leben kam. Der Mann, der die Bombe gelegt hat ist Pat Magee, ehemaliges IRA Mitglied. Bereits zwei Tage nach dem Anschlag traf Jo eine wegweisende Entscheidung für ihr Leben:

Sie bekennt sich zum Frieden.

Im Jahr 2000, ein Jahr nach seiner Freilassung, beginnt Jo Berry mit Pat Magee einen Dialog, der noch heute andauert.

Die persönliche Begegnung mit Jo bewegt mich sehr, es gibt Vieles, das man über sie und ihre Friedensarbeit erzählen kann. Für diesen Beitrag wähle ich einen Fokus, der uns allen – auch in weniger dramatischen Kontexten als Jo Berry ihn erlebt hat – weiterhelfen kann:

Die Verantwortung über die eigenen Gefühle übernehmen.

In einem Workshop arbeiteten wir mit Jo zum Thema „Transformation von Schuldzuweisung und Verurteilung sowie Wiedergutmachung von Verletzungen“*. Wir tauschten uns über den Umgang mit starken Gefühlen aus, die in Konfliktsituationen entstehen können. Unsere eigene emotionale Überwältigung führt oft zu Schuldzuweisungen, Kränkungen und Verletzungen des Gegenübers, die einen destruktiven Kreislauf des Konfliktes ankurbeln können.

Wir sammelten Strategien, die hilfreich sein können:

  1. Uns selbst dafür vergeben, wenn wir uns „daneben“ verhalten haben.
    Wir dürfen anerkennen, dass wir es in Konflikten oft mit sehr starken Emotionen zu tun haben und es schwer sein kann, diese zu verwandeln. Die ersten Anstrengungen dahingehend können so unglaublich schwer erscheinen, dass Jo es mit dem aussichtslosen Versuch die Erdanziehungskraft zu stoppen vergleicht.
  2. Atmen. Das bringt uns wieder ins Hier und Jetzt.
  3. Das Gefühl ist in MIR. Wenn ich zum Beispiel wütend werde, kann ich mir bewusst machen, dass ich es bin, die wütend ist.
    Es ist folglich die eigene Wut. Sie weist auf etwas Wesentliches in mir hin, das gehört und integriert werden will.
  4. Beschreibung des Verhaltens und welche Auswirkung es auf mich hat.
    Jo Berry sagt, sie bezeichnet Pat Magee nicht als Mörder, sondern als den Mann, der die Bombe legte, die ihren Vater getötet hat. Das gibt ihr die Entscheidungsmöglichkeit, wie sie die Geschichte erzählt. Dazu gehört auch in Pat Magee, die uns alle verbindende Menschlichkeit zu finden. Für Pat Magee war es wiederum ein Wendepunkt in seinem Leben, von den Auswirkungen auf Jo und ihre Familie zu hören. Er erkannte, dass er einen guten Menschen getötet hat. Dies machte ihm die Tragweite seiner Handlung erst bewusst.
  5. Erforschung meiner Bedürfnisse. Wenn ich also wahrnehme, wie ich mich fühle, kann ich weiter fragen: Was brauche ich jetzt, damit ich mich besser fühle?
    Indem ich erkenne, was ich brauche, kann ich selbst Schritte unternehmen, um für mich zu sorgen. Um Hilfe zu bitten gehört auch zu einem solchen selbstbestimmten Schritt.

Jo sagt, wenn sie die Verantwortung für die Gefühle, die sie nach dem Bombenanschlag empfand, Pat Magee zugeschrieben hätte, dann hätte sie ihm dadurch Macht verliehen. Eine Macht, in der er die Verantwortung für ihr Wohlergehen trägt. Dadurch wäre er immer in ihrem Kopf, sie wäre von ihm abhängig.

Seit vierzig Jahren sind Jo Berry und Pat Magee nun bereits im Dialog. Sie sagen, Frieden ist ein Prozess, auch nach all diesen Jahren noch. Die Geschichte, die sie erzählen möchten, ist eine Geschichte der Hoffnung, denn sie zeigt, dass Heilung möglich ist!

*Transformation of shame and blame and repair the harm.

Weiterführende links:
https://gea-waldviertler.at/symposium/symposium2024/
https://theforgivenessproject.com
https://restorativejustice.org.uk
https://buildingbridgesforpeace.org

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Von: Katharina

4. Juni 2024

Bild: privat

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