Jana Radičević war für ein Jahr Stadtschreiberin in Graz. An den letzten Tagen ihres Aufenthaltes in der Landeshauptstadt, spreche ich mit ihr über das Wohnen im Cerrini Schlössl und welche Bedeutung sie dem Wohnen zuschreibt.

Wie ist es für dich, am Schlossberg zu wohnen?

Jana: Das Haus ist wunderschön und seine einzigartige Lage am Schlossberg hat mir im vergangenen Jahr viel Energie und Anregungen für meine Arbeit gegeben. Hier konnte ich mich voll und ganz auf das Schreiben konzentrieren, was mir sehr wichtig ist, denn ich ziehe mich zum Schreiben gerne in die eigenen vier Wände zurück. Wenn ich fokussiert und konzentriert meiner Arbeit nachgehe, kann es passieren, dass ich tagelang nicht außer Haus gehe. Alles andere empfinde ich dann als Zeitverschwendung. Sobald ich meine Arbeit beende, bin ich wieder offen für das Leben draußen.

Ist dir in diesem Arbeitsprozess Wohnen wichtig oder blendest du deine Umgebung komplett aus?

Jana: Darüber habe ich viel nachgedacht. Natur und Ruhe sind mir sehr wichtig. Ich bin in einem kleinen Ort neben der Hauptstadt Montenegros aufgewachsen. Dort gibt es viel Natur. Das bin ich offenbar gewöhnt und danach sehne ich mich. Die Stadt bietet Abwechslung, unzählige Möglichkeiten und eine gute Infrastruktur. Das schätze ich, obwohl ich kein Stadtmensch bin. Das Leben hier am Schlossberg bietet für mich derzeit die perfekte Balance von Stadt und Land. Es ist etwas ganz Besonders und Einzigartiges mitten in der Stadt zu sein und gleichzeitig hier oben die Stille und Natur genießen zu können. Die vielen Bäume um das Cerrini Schlössl bringen aber auch einen kleinen Nachteil mit sich: der Wohnraum ist nicht sonderlich lichtdurchflutet. Bei sonnigem Wetter arbeite ich gerne im Haus. Deshalb kann ich im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen, die Sonne am Schreibtisch genießen. Ich liebe natürliches Licht und große Fensterflächen.

Foto von Jana Radičević

Mir ist auch wichtig, alle meine Bücher um mich zu haben. Das gibt mir ein Gefühl der Vollständigkeit. Derzeit ist das nicht der Fall, da ich keinen festen Wohnsitz habe, sondern mich temporär an einem Ort niederlasse. Viele meiner Bücher sind zu Hause bei meinen Eltern. Natürlich kann ich sie mir schicken lassen, aber ich kann sie nicht spontan aus dem Bücherregal holen. Wenn ich eine feste Bleibe hätte, wäre es einfacher.

Das heißt, es gibt eine Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden…

Jana: …ja! Bei uns in Montenegro haben fast alle ein eigenes Haus. In Österreich und Deutschland beobachte ich, dass viele Leute ihren Wohnraum mieten, weil Wohnen so teuer ist. Ich weiß nicht woher es kommt, dass die Menschen in Montenegro vorwiegend Häuser haben, denn die Bevölkerung ist nicht so reich. Ich denke, das ist für unsere Psyche essentiell. Es gibt uns Sicherheit, zu wissen etwas Eigenes zu haben. Das generationenübergreifende Wohnen ist in Montenegro aber noch gang und gäbe. Für die junge Generation ist es oft schwierig sich etwas Eigenes aufzubauen, weil die Gehälter nicht so hoch sind. Viele bleiben daher im Haus der Eltern wohnen.

Bist du so aufgewachsen?

Jana: Wir haben die ersten zehn Jahre meines Lebens mit Oma, Opa und mit meinem Onkel gewohnt. Danach hat mein Vater ein Haus gleich daneben gebaut, in dem ich weitere acht Jahre gewohnt habe, bis ich dann aufgrund des Studiums in eine andere Stadt gezogen bin. Meine Eltern leben mit meinen beiden jüngeren Schwestern immer noch in diesem Haus. Für mich war es schön, mit meiner Familie und meinen Großeltern zu leben. Es hat gut funktioniert. Alle sind füreinander da gewesen, wenn man etwas brauchte. Mein Onkel wohnt mit seiner Frau und den Kindern immer noch im Haus meiner Großeltern. Und es passt gut.

Wie würdest du in deinen Träumen leben?

Jana: Ich schaue oft Architekturfotos an, weil ich Architektur inspirierend finde. Früher habe ich bei solchen Bildern oft den Wunsch verspürt, die eine oder andere Idee irgendwann umzusetzen. Heute verschwende ich weniger Gedanken mit der Frage, ob ich etwas Außergewöhnliches besitzen könnte oder nicht. Ich bin sehr zufrieden mit dem was ich habe und strebe nicht danach, immer mehr zu wollen als ich brauche.

Foto von Jana Radičević

Das hast du sehr schön gesagt. Ich möchte dich dennoch nochmals dazu einladen dir vorzustellen, wie du wohnen möchtest, wenn dir keine Grenzen gesetzt wären. Wenn du einfach nach den Sternen greifst…

Jana: Es gibt interessante architektonische Lösungen, wie beispielsweise die Terrassenhaussiedlung in Graz. Ich mag die Idee dieser Architektur, denn sie vereint positive Aspekte des gemeinschaftlichen Wohnens mit guter Infrastruktur, Ruhe und Natur. Es gibt in der Umgebung alles was man braucht: Ärzte, Kindergarten, Volksschule, einen Markt und keine Autos vor der Türe. Das erinnert mich daran, was dort auf einer der Hausmauern geschrieben steht: Der Stoff, aus dem Träume sind.

Eine schöne Wohnvision…

Jana: Ja! Ich selbst weiß noch nicht wie ich in 20 Jahren leben werde. Derzeit möchte ich reisen, Länder und Städte erkunden. Allerdings bin ich langfristig sicherlich ein Land- und kein Stadtmensch. An einen bestimmten Ort, an dem ich mich dauerhaft niederlasse, denke ich noch nicht. Ich weiß nicht, ob irgendwann doch ein Haus oder eine Wohnsiedlung im Sinne der Terrassenhaussiedlung besser zu mir passen. Aber ich mache mich auf den Weg es herauszufinden.

  • Titel des Dokumentarfilms über innovativen Wohnbau: http://www.derstoff.at

Von: Anna

28. September 2021

Bild: Jana Radičević

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