Caroline M. wohnt mit ihrem Partner im Grazer Bezirk Geidorf in einer Dachgeschoßwohnung. Ihre Möbel baut sie teilweise selbst und ihre Teppiche webt sie auf ihrem Webstuhl. Am gemeinsamen Balkon wird Nachbarschaft gelebt – und wie!

Wie würdest du beschreiben, dass du wohnst?

Caroline: Ich wohne seit einem Jahr gemeinsam mit meinem Freund in einer Zweizimmerwohnung in der Elisabethstraße. In dieser Maisonettewohnung haben wir einen Wohn- und Essbereich, ein abgetrenntes Zimmer und im darüber liegenden Stock einen Schlafbereich. Mir sind Pflanzen und ein gutes Raumklima sehr wichtig. Ich webe und mag schöne Stoffe und gemütliche Sitzmöglichkeiten. Dann fühle ich mich wohl. Es darf auch Chaos in der Ordnung geben (lacht). Ich nutze Räume vor allem dann gerne, wenn sie sonnenlichtdurchflutet sind. Das schafft ein großartiges Wohnklima.

Die Räume sind sehr offen gestaltet, was sich bemerkbar macht, wenn mein Freund und ich gerade unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen. Er ist Musiker und beim Üben können sich Musikstücke oft unzählige Male wiederholen (lacht). Doch in den meisten Fällen genieße ich es, wenn mein Freund musiziert, denn es ist belebend und bringt Kreativität in unsere vier Wände.

Das Besondere an meiner Wohnsituation ist unser Gemeinschaftsbalkon: Meine Nachbarn und ich haben einen gemeinsamen Eingangsbereich, ein Art Vorhaus, das terrassenartig in Balkone übergeht, die mit Tischen ausgestattet sind. Dort laufen wir uns immer wieder über den Weg, wodurch wir uns ganz gut kennenlernen können. Ich habe mit fast allen Wohnparteien in diesem Geschoß regelmäßig Kontakt, manche sehe ich täglich. Die Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein, manchmal essen wir gemeinsam oder veranstalten Filmabende. Daraus hat sich eine richtig gute Freundschaft ergeben. Manchmal, wenn wir beispielsweise Geburtstage feiern, entsteht gar eine familiäre Stimmung. Es ist für mich heimelig, wenn ich Menschen um mich habe, deswegen genieße ich diese Nachbarschaft sehr. Der Austausch holt einen manchmal aus dem eigenen Trott. Es ist spannend, dass wir alle sehr unterschiedlich sind. Beispielsweise sind unsere Wohnungen im Grundriss fast gleich, aber die Einrichtung und Gestaltung ist gänzlich verschieden (lacht). Wir unterscheiden uns teilweise auch in unserer Lebenseinstellung, was das Beisammensein und die Diskussionen umso anregender macht.

Wie kommuniziert und organisiert sich eure Balkongemeinschaft?

Caroline: Wir schreiben in Whatsappgruppen miteinander, manchmal vereinbaren wir etwas. Ansonsten kommen wir am Balkon ins Gespräch und schmieden dort Pläne, beispielsweise dass wir gemeinsam essen oder etwas feiern. Es ist schön, dass das spontan funktioniert. Manchmal treffen wir uns für zehn Minuten, manchmal für einen ganzen Abend. Es ist sehr frei und unkompliziert.

Ist das Zusammenleben in dieser Gemeinschaft auch mit Herausforderungen verbunden?

Caroline: Ich denke, das Konfliktpotential ist nicht groß, weil jeder seine eigene Wohnung hat. Wenn wir Ruhe brauchen, dann ziehen wir uns einfach zurück. So hat man die Gewissheit: wer da ist, ist auch gerne da. Aber manchmal entstehen natürlich kleine Unstimmigkeiten, das haben Gespräche und Beziehungen so an sich (lacht). Aber über unterschiedliche Erwartungen oder Missverständnisse können wir dann sehr ehrlich sprechen.

Was ist dir in deinem Wohnumfeld wichtig?

Caroline: Ich finde es angenehm, wenn ich meine Nachbarn kenne. Wenn ich bis spätabends Musik hören will, dann kann ich das mit meinen Nachbarn offen besprechen. Da herrscht Vertrautheit.

Ich finde schön, welche Möglichkeiten eine Stadt bietet, beispielsweise die Nähe zu Geschäften, Kultureinrichtungen, Bibliotheken und der Uni. Man kann hier seinen Alltag sehr spontan gestalten. Natürlich kann der Verkehrslärm unangenehm sein. Ich sehne mich manchmal nach Ruhe und nach der Klangkulisse der Natur. Deshalb ist es angenehm, schnell in Naherholungsgebiete zu gelangen. Ich laufe öfters Richtung Hilmteich. Die Laufrunde verbinde ich dann gerne mit einem Besuch im Bioladen oder meinem Stammcafe in der Zinzendorfgasse. Dort komm ich öfters ins Gespräch mit Personen. Auch wenn es nur Smalltalk ist – diese Begegnungen tun mir gut und bringen etwas in mir zum Schwingen.

Wie war wohnen im Laufe deines Lebens für dich?

Caroline: Nachdem ich aus meinem Elternhaus in der Südostssteiermark ausgezogen bin, bin ich in eine schöne, helle Einzimmerwohnung hier in Graz gezogen. Dort habe ich zuerst allein gewohnt. Allein zu wohnen hat seine Qualitäten. Keine Rücksicht zu nehmen ist manchmal lustig (lacht). Heute muss ich mich an das Alleinsein immer erst gewöhnen. Am Beginn kann das mit einem komischen Gefühl verbunden sein. Aber nach zwei Wochen tut es mir durchaus gut: dann mache ich es mir gemütlich und genieße meine Routinen, meine Ordnung und mein Chaos. Musik hilft mir, wenn ich mal Einsamkeit verspüre.

Wie wohnst du in deinen Träumen?

Caroline: In meinem Traum habe ich auf einem Hügel oder Berg eine kleine Hütte. Sie ist umgeben von Wald und steht inmitten einer großen Lichtung. Ich habe viel Natur und Bäume um mich und einen großen Garten, mit Blumen und Gemüse, wo alles wild und wie von selbst wächst. Vielleicht ist hier auch ein Bach oder ein See, am schönsten wäre der Blick aufs Meer. Ich wohne dort allein, aber gleich unter dem Hügel sind viele Menschen, die immer wieder auf Besuch hier sind und den Ort mit mir teilen. Wir trinken gemeinsam Tee und führen gute Gespräche.

Wenn ich über meine konkreteren Zukunftsvisionen nachdenke, dann kann ich mir durchaus ein gemeinschaftliches Wohnprojekt vorstellen: Jeder hat seine eigene Wohnung, aber es gibt Räume der Begegnung und gemeinsame Aktivitäten oder Projekte, die die Bewohner:innen verbinden. Ähnlich wie bei uns am Balkon. Es könnten dort eine Werkstatt, ein Garten oder eine Sauna geteilt werden. Ich finde den Gedanken der Mehrgenerationenhaushalte schön. Doch es ist mir wichtig, dass der Rahmen bewusst gestaltet wird und man sich beispielsweise auf Regeln zum Zusammenleben einigt. Das ist notwendig für gelingendes Beisammensein, denke ich.

Die Auseinandersetzungen mit Beziehungen finde ich wertvoll – dadurch kann man sich selbst gut weiterentwickeln. Wohnen ist Wandel und Verwandlung. Man prägt und gestaltet einen Ort, der einen wiederum selbst beeinflusst. Es geht für mich darum, mit meinem Wohnraum einen Resonanzraum zu schaffen. Ich bin im Austausch mit meinem Umfeld und meinen Mitmenschen und im besten Fall gerät hier alles ins Schwingen.

Von: Viktoria

1. März 2022

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