Wenn man sich auf die Suche nach den Geschichten von Personen macht, die einige Zeit in einer der amerikanischen Troubled Teen Industry-Einrichtungen verbracht haben, so findet man unzählige davon. Geschichte nach Geschichte, eine schlimmer als die andere, und eines haben sie alle gemeinsam: Die Personen, die sie erzählen, haben unter den Programmen gelitten, die sie durchmachen mussten. Eine dieser Personen ist Harley.

Harley kam mit 16 Jahren an eine TTI-Einrichtung, die Diamond Ranch Academy (DRA) in Utah, die seit 2023 geschlossen ist. Entgegen Harleys hoffnungsvollen Erwartungen, diese Einrichtung könnte besser sein als die letzte, stellte sich die DRA als mindestens genauso grausam heraus.

Foto von Nicole Queiroz auf Unsplash

Bei der Ankunft musste Harley sich nackt ausziehen, wurde isoliert und streng kontrolliert. In der Anfangsphase („Observation & Assessment“), die Harley zu Beginn erwartete, galten entwürdigende Regeln. Jegliche Abweichung wurde mit einer Verlängerung der O&A-Phase bestraft, während der man keinen Kontakt mit der Außenwelt haben durfte. Dabei war das Erfüllen aller Regeln mehr als nur eine Herausforderung: Kein freies Sprechen, kaum Hygiene, harte körperliche Arbeit, auslaugende Hitze, der Zwang, literweise Wasser zu trinken und streng eingeschränkter Toilettengang. Sogar das Zusammenbinden der eigenen Haare benötigte eine Erlaubnis durch die Aufsichtspersonen. Die Jugendlichen befanden sich in dieser Phase beinahe durchgehend im Freien, nur extreme Kälte und die Nacht waren Ausnahmen. Eine zentrale Vorschrift war zudem das „100 %-Verantwortungs-Motto“, das alle vor den Mahlzeiten aufsagen mussten. Es besagte, dass man immer selbst 100 % der Verantwortung für jede Beziehung und jedes Ergebnis im Leben trage – eine Haltung, die insbesondere für Missbrauchsopfer verheerend war. Diese Ideologie führte bei Harley später zu starker Selbstschuld und emotionalen Problemen.

Harleys Fluchtversuch in der ersten Nacht endete als „Code Red“ mit schwerer Gewalt durch Mitarbeitende und zahlreichen Verletzungen als Folge. Danach musste Harley eine sogenannte „Energieentladung machen – anstrengende Fitnessübungen trotz der Verletzungen – und wurde anschließend auf „Searches“ (Durchsuchungen) gesetzt. Eine Woche lang wurde Harley alle zwei Stunden nackt durchsucht, auch nachts, was in schwerer Schlafentziehung und psychischer Zermürbung endete.

Harley berichtet außerdem, dass viele Mädchen bei der Ankunft zu „Zwangs-Untersuchungen“, darunter auch unechten PAP-Abstrichen, gezwungen wurden, die angeblich gynäkologisch waren, tatsächlich aber Missbrauch darstellten. Eine Schülerin, die sich das Leben nehmen wollte, wurde bestraft, anstatt Hilfe zu bekommen. Krankheiten wie Harnwegsinfektionen wurden oft ignoriert oder bestritten, teils mit schweren gesundheitlichen Folgen. Asthma- und Schmerzpatientinnen mussten weiter körperliche Arbeit leisten, selbst in akuten Notlagen.

Foto von Taiki Ishikawa auf Unsplash

Das Programm war durch ständige Kontrolle und Überwachung geprägt: Jede Regelverletzung führte zu Strafen oder Rückversetzung in O&A. Freundschaften wurden zerstört, weil man gezwungen war, andere zu verraten, wenn sie Fehler machten. Es gab ein Stufensystem von „Student“ bis „Graduate“, wobei man nur aufsteigen konnte, wenn man nahezu perfekt war. Telefonate und Briefe an Eltern wurden zensiert, Kritik oder Bitten um Hilfe führten zu Strafen. Oft herrschte „Blackout“, bei dem keine Kommunikation unter den Schülerinnen erlaubt war.

Nach Monaten passte sich Harley äußerlich an, da dies der einzige Ausweg zu sein schien. Nach der Entlassung war Harley überangepasst, ängstlich und überzeugt, dass die Misshandlungen gerechtfertigt gewesen seien. Schuldgefühle, Angst, Verlust der eigenen Identität und eine posttraumatische Belastungsstörung beeinträchtigten Harleys Studium, Beziehungen und Leben massiv. Später entwickelte Harley eine schwere, nahezu tödlich endende Drogenabhängigkeit, überlebte jedoch dank späterer, diesmal richtiger, Therapie.

Heute lebt Harley als nichtbinärer Mensch und kritisiert die Troubled Teen Industry scharf als ausbeuterisch und traumatisierend. Viele von Harleys damaligen Mitinsassen litten unter dauerhaften psychischen Folgen, einige nahmen sich das Leben.

Quelle:
https://www.unsilenced.org/harleys-testimony-diamond-ranch-academy-2011-2012/

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Von: Miriam

28. November 2025

Bild: Foto von Lesli Whitecotton auf Unsplash

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