Troubled Teen Industry

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Foto: 夜眼, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Room 13 – Teenager in China und die Internetsucht
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Das Internet ist eine praktische Erfindung. Ob nun für Informationssuche, Kommunikation oder auch einfach nur als Zeitvertreib, während man auf den Bus wartet – das Internet ist die Antwort auf alles. Kein Wunder, dass es einem so leicht fällt, sich hin und wieder darin zu verlieren und verwundert festzustellen, wie viel Zeit eigentlich vergangen ist. Dies ist vor allem bei den jüngeren Generationen ein durchaus bekanntes Phänomen, an dem Eltern oft verzweifeln, und das nicht erst seit Neuestem. In den 2000ern, als Internetcafés und Online-Multiplayer-Spiele boomten, übergaben viele Eltern ihre Kinder an den wohl schlechtesten Mann, um sie von ihrer Internetsucht zu heilen: Yang Yongxin.

User:Vmenkov, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Als China 2008 Internetsucht als mentale Krankheit mit sehr vagen Diagnosekriterien anerkannte, schossen nacheinander mehrere Einrichtungen aus dem Boden, die diese bei Jugendlichen behandeln sollten – das jedoch mit dubiosen Methoden, wie man sie auch von den Troubled Teen Industry-Einrichtungen aus Amerika kennt. Das Volkskrankenhaus Nummer Vier, oder auch Linyi Mental Hospital, im Ort Linyi in China war eine dieser Einrichtungen. 2006 wurde dieses vom Psychiater Yang Yongxin gegründet, um die Internetsucht, von der auch sein Sohn betroffen war, zu bekämpfen.
In Krankenhaus Nummer Vier, in das die Jugendlichen oft gegen ihren Willen verschleppt wurden (zum Beispiel unter einem anderen Vorwand von ihren Eltern, oder aber auch wie bei anderen TTIs mitten in der Nacht), war das Leben streng reglementiert. Die Jugendlichen hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, bekamen psychotrope Medikamente verabreicht und waren in ihrer grundlegenden Freiheit stark eingeschränkt. Jeder kleinste Regelverstoß wurde sanktioniert, ob es nun das Essen von Schokoriegeln oder das Abschließen des Badezimmers war. Auch das Sitzen auf Yang Yongxins Stuhl oder das Einnehmen von Pillen vor dem Essen zog Strafen nach sich.

夜眼, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Schlimmste am Linyi Mental Hospital war allerdings der Room 13. Auf dieser Station wurden sie wegen angeblicher Internet- oder Gaming-Sucht, aber auch als Bestrafung für Regelverstoß, mit Elektroschocktherapie (ECT) behandelt. Die Jugendlichen wurden in einen Stuhl gesetzt und fixiert, damit sie sich nicht bewegen konnten. Danach bekamen sie Elektroden an den Kopf oder an die Hände. Ohne große Erklärung wurde das Gerät eingeschaltet, und ein kräftiger Stromimpuls fuhr durch den Körper. Viele beschrieben ein plötzliches, hartes Zusammenzucken der Muskeln und ein druckartiges, grelles Gefühl im Kopf, das für einen Moment alles durcheinanderbrachte. Die Behandlung dauerte nur Sekunden, hinterließ aber starke Angst und Orientierungslosigkeit – und genau solche Sitzungen mussten die Jugendlichen dort mehrfach über sich ergehen lassen.
Als ECT später offiziell verboten wurde, hat die Klinik das Ganze einfach umbenannt und weitergemacht, nämlich mit der sogenannten „Low-Frequency Pulse Therapy“. Dies ist eine Strombehandlung mit niedrigfrequenten Impulsen, die ebenfalls als unangenehm und belastend gilt, vielleicht sogar als noch schmerzhafter als die vorhergehende ECT. Room 13 wurde als solcher zwar im Jahr 2016 nach vermehrter negativer Presse angeblich abgeschafft, es gibt aber Berichte, denen zufolge nur das Schild entfernt wurde und alles wie zuvor weiterläuft.
Quellen:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/internetsucht-in-china-schocktherapie-fuer-online-junkies-1.447034
https://www.theguardian.com/world/2009/jul/14/china-electric-shock-internet-addiction
https://thechinaproject.com/2018/10/26/the-mystery-of-room-no-13-in-a-shandong-internet-bootcamp/
https://mg.co.za/article/2009-07-15-china-bans-shock-treatment-to-cure-internet-addiction/
https://edition.cnn.com/2020/07/08/asia/china-court-abuse-internet-addiction-intl-hnk
Von: Miriam
4. Dezember 2025
Bild: 夜眼, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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