Ich spreche mit vier Schüler:innen im Alter von sechs bis neun Jahren über ihr Wohnumfeld, darüber wie sie ihren Wohnort und ihre Nachbarschaft, erleben. Kinder als Nachbarn bzw. Kinder in der Nachbarschaft sind ein viel besprochenes Thema. Ihre Lebendigkeit, ihre spielerische Aneignung von Räumen inspiriert auch Erwachsene einen neuen Blick aufs Wohnumfeld zu werfen. Der Aktivitätendrang und die Bedürfnisauslebung von Kindern können allerdings auch zu Konflikten führen. Eine bedeutende Rolle spielt in diesem Zusammenhang meist das zur Verfügung stehende Raumangebot.

Von meinen Gesprächspartner: innen wohnen drei der vier Kinder in einem Mehrparteienhaus innerhalb einer Wohnsiedlung. Josef (6) bewohnt mit seinen Eltern ein Einfamilienhaus mit Garten. Auf meine Frage, wie die Kinder ihre Wohnumgebung wahrnehmen, antworten die beiden Geschwister Adila (9) und Jusra (7): „Es ist ganz toll. Wir haben viele Freunde und Nachbarn, die sehr lieb zu uns sind.“ Viele Freunde in der Nachbarschaft zu haben ist eine große Bereicherung, zumal sich ein Treffen und das gemeinsame Spielen nach der Schule relativ unkompliziert und schnell organisieren lässt. Man trifft sich im Hof oder besucht sich abwechselnd in den Wohnungen der dort lebenden Familien. Egal zu welcher Jahreszeit, in der Siedlung ist immer viel los. „Im Winter spielen wir im Schnee und im Sommer blasen wir ein Plantschbecken auf!“ so Adila. Die Wohnsiedlung besteht aus mehreren Wohnhäusern mit nur wenigen Stockwerken. Ganz anders als bei Theodor (6). Er wohnt in einem 14-stöckigen Mehrparteienhaus, das er folgendermaßen beschreibt: „Unser Haus ist sehr groß. Da wohnen viele Leute, aber ich kenne sie nicht alle. Wir haben eine Wohnung im letzten Stockwerk. Ich mag es gerne, von dort aus runterzuschauen. Da sieht man alles.“ Freunde sind in seinem Haus rar. Er erzählt, dass seine Kindergartenfreundin direkt nebenan wohnt. Ab und zu, wenn die Eltern es erlauben, besuchen sie einander. Für Josef (6), der in einem Einfamilienhaus lebt, gestaltet sich der Kontakt zu Nachbarskindern schwieriger: „Im Haus neben uns wohnt ein netter Junge, aber der ist älter als ich und geht in eine andere Schule. Einmal habe ich mit ihm gespielt, als er und seine Eltern bei uns zu Besuch waren.“ Andere Kinder in seinem Wohnumfeld kennt Josef nicht, weshalb es mehr Planung braucht, um Freunde am Nachmittag oder an den Wochenenden zu treffen. „Ich freue mich dann aber sehr, wenn meine Freunde zu mir kommen und wir in meinem Zimmer oder im Garten spielen.“

Theodor und die Schwestern Adila und Jusra haben jeweils einen Spielplatz, der zu ihrer Wohnanlage gehört. In der Häufigkeit der Nutzung sowie in der Identifikation mit dem Ort gibt es allerdings Unterschiede. Theodors Spielplatz liegt ein Stück weit entfernt von seinem Haus, in unmittelbarer Nähe zu seiner Schule. Nach der Schule kann man sich hier mit seinen Schulkollegen die Zeit vertreiben.

Adilas und Jusras Spielplatz hingegen, ist ein sehr beliebter Treffpunkt für die Kinder in der Siedlung. Doch das Spielen gestaltet sich nicht immer konfliktfrei: „Es ist nicht lustig, wenn andere Kinder etwas bestimmen, womit wir nicht einverstanden sind.“ Jusra erzählt von zwei Mädchen am Spielplatz, die dort gerne den Ton angeben. Ihre Schwester Adila hat dafür schnell eine Lösung parat: „Wenn sie sowas machen, dann sag ich, ich mach nicht mit. Ich sage ihnen dann, wenn ihr aufhört damit, dann bleibe ich hier, ansonsten gehe ich nach Hause. Das mache ich immer so.“

Das erweckt in mir die Frage, ob denn auch genug Platzangebot auf ihrem Spielplatz vorhanden sei. „Nein, unser Spielplatz ist nicht so groß. Wir wünschen uns mehr Platz. Wir haben zwei Rutschen, eine Wippe, eine Sandkiste und das war‘s.“… „Und noch ein Häuschen!“, ergänzt Jusra. Ein Zaun trennt ihren Spielplatz zu jenem der Nachbarssiedlung. „Dort haben sie eine Rutsche, zwei Stangen und noch zwei Schaukeln. Das haben wir nicht. Das ärgert uns, und wir gehen manchmal rüber. Aber wir ärgern uns auch, wenn die Kinder von der anderen Siedlung zu uns kommen.“

Ich frage, ob es Erwachsene gäbe, die in das soziale Geschehen im Hof eingreifen. Das komme immer wieder vor, meint Jusra: „Es gibt eine Frau, die ärgert sich, wenn die Kinder in der Siedlung mit dem Fahrrad fahren. Sie sagt, es wäre verboten hier zu fahren, es wäre nur auf dem Spielplatz erlaubt. Ich finde das unfair, denn der Spielplatz ist zu klein und wir wollen die ganze Siedlung sehen.“

Mit einem beschilderten Fußballverbot ab 19:00 werden die formellen Nutzungsregeln ihres Spielplatzes sichtbar.  Ob sich alle Kinder daran halten? „Nein, manchmal wird auch länger, bis 20:00 gespielt. Und da gibt es eine Oma, die schreit dann oft vom Balkon: „Hey aufhören, aufhören, sonst komm ich runter oder ich hole die Polizei.“ Die Polizei hole die Dame dann aber doch nie. Es soll den Kindern eine Warnung sein. Und wie gehen die Kinder damit um? „Ich weiß dann oft nicht, was ich sagen soll. Ich sage dann nichts, und gehe weg.“ Manche Kinder würden darauf mit mehr Widerstand reagieren, meint Adila. Sie kontern unfreundlich, schimpfen zurück oder machen auch respektlose Gestiken. Eine Dynamik, die sich aufschaukeln und das gemeinsame Siedlungsleben erschweren kann. So unterschiedlich wie die Bedürfnisse der Erwachsenen und Kinder sind, so verständlich und nachvollziehbar können sie gleichermaßen sein. Zuhören und aufeinander zugehen nimmt destruktiven Dynamiken den Wind aus den Segeln. Es hilft, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Oder in das eigene Kindheits-ICH. Wie haben Sie die Nachbarschaft ihrer Kindheit erlebt? Was war schön, was vielleicht konfliktreich? Teilen Sie mit uns Ihre Erfahrungen. Wir freuen uns!

 

 

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