Was wäre ein Held ohne ein starkes Motiv, das ihn trotz aller Widrigkeiten zum Weitermachen bewegt? Natürlich ist es außerordentlich nobel, beispielsweise die ganze Welt vor einem Bösewicht retten zu wollen, doch manchmal ist es einfach mitreißender, wenn der Protagonist (zusätzlich) eine sehr persönliche Motivation besitzt, die ihn antreibt. Selbstverständlich will man aber nicht davon ablenken, wie cool und fähig der Held ist, deswegen bietet sich kaum eine andere Lösung so perfekt an wie eine ganz bestimmte: Die Damsel in Distress.

Schön, zerbrechlich und absolut unselbstständig. Was wie die Eigenschaften von teurer chinesischer Porzellanware klingt, sind exakt die Worte, mit denen man die Damsel in Distress beschreiben kann. Sonderlich viel mehr Charakter als eine Porzellanvase besitzt diese allerdings auch selten, sodass man sie oft problemlos durch solch eine ersetzen könnte. Die Damsel in Distress ist üblicherweise nur ein Anlass für den (männlichen) Protagonisten, auf eine spannende Mission zu gehen und seine herausragenden Fähigkeiten zu demonstrieren. Für den Plot ist sie ziemlich irrelevant, ihr einziger Zweck besteht darin, in Gefahr gebracht zu werden und anschließend auf die Rettung in Form des Helden des Films oder der Serie zu warten.

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Die klassische Damsel in Distress ist die, die man am einfachsten erkennen kann. Diese wird stets vom Feind gefangen genommen und an einem Ort eingesperrt, den sie nicht von selbst verlassen kann – dafür benötigt sie immer den Helden der Geschichte. Während die Damsel in Distress in Gefangenschaft um ihr Leben zittern muss und absolut nicht in der Lage ist, ihre momentane Position zu verbessern, setzt der Protagonist alles daran, sie wieder zu befreien.

Selbstverständlich gibt es aber auch andere Variationen der Damsel in Distress. Beispielsweise gibt es Filme und Serien, in denen diese an einem gefährlichen Ort gelandet ist, der ihr völlig fremd ist, und daher ständig in in lebensgefährliche Situationen gerät, die sie ohne den Protagonisten nicht überstehen könnte. Kaum wird sie für zwei Minuten alleine gelassen, wird sie von einem Raubtier angegriffen, landet in einer Falle oder ist drauf und dran, sich zu vergiften – selbstverständlich wird sie jedoch jedes Mal im letzten Moment vom Helden gerettet.

In anderen Fällen geht die miserable Situation, in der sich die Damsel in Distress befindet, von ihren eigenen Familienmitgliedern wie etwa von ihrem Vater, ihrem Ehemann oder ihrer bösartigen Stiefmutter aus. Egal, wie schlecht sie behandelt wird und wie viele Möglichkeiten sie zum Handeln erhält, sie selbst wird garantiert nichts unternehmen, bis der Protagonist (metaphorisch oder tatsächlich) auf seinem stolzen Ross angeritten kommt und zu ihrem Retter in der Not wird.

Selbstverständlich kann es in Filmen und Serien auch passieren, dass weibliche Charaktere, die normalerweise tatsächlich starke Persönlichkeitsmerkmale besitzen und eine relevante Rolle spielen, für eine kurze Zeit zur Damsel in Distress werden, allerdings ist dies nicht ihre definierende Eigenschaft, was sie vor der Eindimensionalität bewahrt.

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Problematisch an diesem Trope ist, dass es suggeriert, Mädchen und Frauen seien nicht fähig dazu, sich selbst aus misslichen Lagen zu befreien – zumindest nicht, ohne dass ihnen ein Bursche oder Mann wenigstens zur Seite steht. Dies führt einerseits dazu, dass die Gesellschaft Mädchen und Frauen als fragiler, instabiler und hilfsbedürftiger ansieht, als dies oft der Fall ist, was ihnen nicht selten zusätzliche Steine auf den Weg hin zu einem selbstbestimmten, erfolgreichen Leben legt. Durch die vielen Darstellungen der Damsel in Distress als emotional, zart besaitet und hilflos bilden sich oft Vorurteile gegenüber Mädchen und Frauen aus, aufgrund dieser ihnen teilweise weniger zugetraut wird als ihren männlichen Mitmenschen.

Doch auch das Selbstbild von Mädchen und Frauen bleibt von diesen Implikationen nicht immer unversehrt. Beispielsweise sind diese es so gewohnt, in Anbetracht von schwierigen Situationen als inkompetent und verloren zu gelten, sodass diese gar nicht erst versuchen, ihre momentane Lage zu verbessern. Das kann von ganz banalen Sachen wie etwa dem Wechseln eines Reifens, das sie stets durch Burschen oder Männer erledigen lassen und nicht selbst erlernen, bis etwa hin zu unfairer Behandlung im Arbeitsleben reichen, der sie nichts entgegensetzen.

Quellen:
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/DamselInDistress
https://gosparkpress.com/lets-talk-tropes-the-damsel-saves-herself/
https://medium.com/live-your-life-on-purpose/are-you-learned-helpless-a05a61f76024

Von: Miriam

23. Dezember 2021

Bild: Mimipic Photography auf Unsplash

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