Christina Rothdeutsch-Granzer ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin, leidenschaftliche Sozialpädagogin, Traumapädagogin, Leiterin des Instituts WundeRkinder und Autorin. Ich spreche mit ihr über Schnittstellen und Analogien zwischen Trauma und Konflikt sowie den „dritten Weg“.
Liebe Christina, zunächst eine grundlegende Frage: was ist Traumaarbeit?
Traumaarbeit bedeutet Individuen, Gemeinschaften oder Gesellschaften dabei zu unterstützen, an natürlichen Entwicklungsprozessen wieder anzuknüpfen, die aus verschiedensten Gründen unterbrochen wurden und ständig danach streben, vollendet zu werden. Die Traumaarbeit zielt darauf ab, diese unterbrochenen oder blockierten Prozesse wieder freizusetzen.
Doch was ist Trauma eigentlich? Trauma ist ein subjektiv empfundenes Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. Man empfindet eine Grenze der eigenen Handlungsmöglichkeiten, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Trauma bedeutet eine Erfahrung von existentieller Bedrohung.
Es ist jedoch eine Momentaufnahme, weil der Mensch unglaublich anpassungsfähig ist und immer wieder auf‘s Neue Möglichkeiten findet, mit einer Situation umzugehen. Wenn man diese Erfahrung macht, kann man die Grenze überwinden und wieder handlungsfähig werden.
Wie kann ein:e Traumapädagog:in einen Menschen begleiten, der eine traumatische Erfahrung in seiner Entwicklung erlebt?
Unsere Aufgabe ist es, eine korrigierende Erfahrung zu ermöglichen: Es geht darum, in einer geschützten und haltgebenden Beziehung, in einem sicheren Raum zu erfahren, dass man selbstwirksam ist. Einer meiner Lehrer sagte einmal, gute Traumaarbeit ist die Eröffnung und Erweiterung des Handlungsrepertoires. Dann kommt man wieder in eine Handlungswirksamkeit und kann im Hier und Jetzt erfahren: “Ich bin nicht ohnmächtig, da gibt es einen Weg.” So wird die Erfahrung der Vergangenheit überwachsen und der natürliche Prozess des Werdens fließt wieder.
Mich interessiert es nun brennend, hier nachzuhaken. Wie funktioniert das eigentlich, einen sicheren Raum zu schaffen. Mit welchen Methoden arbeitest du?
Ich bin tiefenpsychologisch orientiert nach C. G. Jung. Ich bin begeistert von seinem Werk und ich habe mich in den letzten zehn Jahren darin vertieft. Ich arbeite demnach mit dem Dialog zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Überall dort wo das Bewusste blockiert ist, hilft uns das Unbewusste weiter.
Und ich praktiziere Somatic Experiencing-Traumaarbeit nach Peter Levine. Dabei wird das Unbewusste über den Körper erfahrbar gemacht. Auch andere Kanäle wie, Träume, Märchen oder Symbole bieten Zugang zum Unbewussten. Ich bin in meiner Arbeit am Körper orientiert bzw. hilft mir der Körper bei der Orientierung.
Ich beschreibe es am besten anhand eines Fallbeispiels: erst vor kurzem war jemand in meiner Praxis, der meinte, er fühle sich im Moment leer, gelangweilt, ohnmächtig und kraftlos – „erstarrt“ würden wir in der Sprache der Traumaarbeit sagen. Wenn ich die Person frage, wo ihre Begeisterung liegt und was sie gerne machen würde, dann bekomme ich keine Antwort. Hier besteht eine Blockade. Die wirksamste Methode in meinen Augen ist, etwas zu tun, was im Hier und Jetzt konkret möglich ist.
Die Person sitzt also vor mir, gemäß ihrer Aussage mit einem erstarrten, leblosen Körper. Lediglich ihre Augen bewegen sich: Dort ist die Lebendigkeit und diesem Weg folge ich. Ich frage, wodurch sich die Person in diesem Raum angesprochen fühlt. Irgendwann richten sich ihre Augen auf den Holzofen, der sich in meiner Praxis befindet: „Dieser Ofen… der ist genauso leer und kalt wie mein derzeitiges Leben.“ Nun ist der Auftrag klar: Ich lade die Person ein, ein Feuer zu machen. Später schaut sie den tanzenden Flammen zu und langsam kommt Leben in den Körper, in die Gedanken und Gefühle. Dann ist es möglich, auf eine neue Spur zu kommen, weil der Prozess wieder fließt.
Was begeistert dich an deiner Arbeit?
Ich bin begeistert von der Möglichkeit des posttraumatischen Wachstums. Das habe ich erfahren und das erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder. Es liegt ein großes Potential im Schatten und in Verwundungen, die ja ein selbstverständlicher Teil des Lebens sind. C. G. Jung sagt: „Im Schatten liegt das größte Gold.“ Das ist das Paradoxe: In dieser Kehrseite liegt das Fruchtbare, das Wachstum. Deshalb bin ich keine Freundin der Vermeidung, auch nicht des Schmerzlichen.
Was bedeutet Wachstum nach einem Trauma? Wie sieht das aus?
Machen wir’s an einem Bild konkret: Ein gebrochener Knochen schmerzt, tut weh und die Heilung braucht Zeit. Doch an der Bruchstelle bricht er kein zweites Mal, hier ist er verstärkt. Die Vernarbung ist eine Verstärkung des Knochens. Menschen gehen gestärkt aus prekären Situationen. Ich staune immer wieder über starke Persönlichkeiten, die sich trotz oder vielleicht auch wegen traumatischer Lebenserfahrungen entwickeln.
Nachdem unser Thema im Nachbarschaftsservice der Konflikt ist, würde mich interessieren, welche Schnittstellen du zwischen Trauma und Konflikt siehst. Inwiefern begegnen dir Konflikte in deiner Arbeit?
Ich finde es sehr interessant, den Begriff Konflikt in meinem Arbeitskontext aufzugreifen und eine Verbindung herzustellen, da es ja viele Analogien zwischen Trauma-, Friedens- und Entwicklungsarbeit gibt: Selbstverständlich ist eine Traumatisierung ein innerer Konflikt, also eine Situation, in der man äußeren Anforderungen nicht gerecht werden kann. Mit inneren Konflikten habe ich viel zu tun. Bleiben Ereignisse unbewusst und unaufgearbeitet, werden sie weitertragen, was sich in gegenwärtigen Beziehungen und dem Umfeld äußert: Unbewusste innere Konflikte werden nach Außen projiziert, beispielsweise auf die Nachbarn. Situationen, die sich scheinbar sachlich nicht lösen lassen, zeugen meist von einem tieferen und unbewussten inneren Konflikt, der schlummert und Einzelnen und ihrem Umfeld das Leben erschwert.
Fällt dir dazu ein Bild ein?
Ein eindrückliches Bild sind die archetypischen Bilder von Engelchen und Teufelchen, die für die ambivalenten, widersprüchlichen inneren Stimmen stehen. Wenn der Streit der Gegensätze nicht bewusst ist, schlummert der innere Konflikt wie ein gordischer Knoten. Das Wichtigste ist, dass man diese inneren Stimmen bewusst macht und dem Dialog zu folgen versucht. Damit löst man die Verwirrung. Es hilft, wenn man den – zunächst unbewussten – gegensätzlichen Stimmen ein Bild oder eine Gestalt gibt, deshalb arbeite ich mit gestalterischen und körperorientierten Methoden.
Unter welchen Bedingungen kann man an den eigenen Konflikten wachsen oder – anders gefragt – wann gibt es posttraumatisches Wachstum?
Es gibt wahrscheinlich viele Faktoren. Ich möchte den für mich Wesentlichsten hervorheben: Es ist die Fähigkeit, den Zustand der Spannung zu halten. Es geht darum, Gegensätze nicht nur auszuhalten, sondern zu halten und zu beobachten, was zwischen diesen Gegensätzen passiert. An diesem Punkt entsteht eine Lebendigkeit! Und sie kann zu einem dritten Weg führen: Zunächst sehe ich nur die eine oder die andere Möglichkeit und dann lerne ich, dass es einen dritten Weg gibt. Das erweitert meine Handlungsmöglichkeiten und bedeutet Wachstum. Ohne die Gegensatzspannung funktioniert das nicht. Diese Fähigkeit wird einem in den seltensten Fällen in die Wiege gelegt, sondern muss als Lern- und Reifungsprozess betrachtet werden. Konfliktfähigkeit meint, Gegenargumente neben dem eigenen Argument zu sehen und verschiedene Positionen in einen lebendigen Dialog zu bringen.
Als Begleiterin muss man mit Spannungen umgehen und selbst mit eigenen und fremden widersprüchlichen Stimmen aktiv in Dialog treten. Dann kann man den Raum schaffen, in dem das Gegenüber lernt, sich mit den eigenen Spannungen auseinanderzusetzen. In der Fachsprache nennt man das Containment.
Ich trage schon eine Zeit lang den Begriff der Ambiguitätstoleranz mit mir herum – mit deiner Schilderung wird er wieder mit Leben gefüllt! Als abschließende Frage: Was möchtest du Menschen mitgeben, die sich aktuell in einem Konflikt befinden?
Das ist für mich die schwierigste Frage, weil ich ungern „gute“ Ratschläge geben möchte, gerade für so unglaublich schwierigen Situationen…
Das verstehe ich, zumal wir in unserem Beruf weniger Ratschläge geben, als vielmehr Fragen stellen. Fällt dir vielleicht eine Frage ein, die du Menschen in Konflikten mitgeben magst?
Ja, stimmt: „Was erwartest du dir und wünschst du dir von deinem Gegenüber?“ Wenn wir nämlich nochmal vom Zusammenhang zwischen inneren und äußeren Konflikten ausgehen, dann gibt diese Frage Aufschluss über eigene Bedürfnisse. Die Antwort legt eigene Wünsche offen und zeigt, was man sich selbst angedeihen lassen sollte. Dann kann man diese Sehnsucht zu erfüllen versuchen und sich selbst ein:e gute:r Begleiter:in sein oder sich Begleitung suchen.