Was ist ein Konflikt

Contemporary dance
Foto: Contemporary Dance von Fabiola
Was hat das mit mir zu tun..?
Geschichten und Metaphern in der Konfliktregelung
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Was ist ein Konflikt

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Ed Watzke ist Mediator, Sozialarbeiter, Psychotherapeut, Geschichtenerzähler und Playback-Schauspieler. Er ist zudem Autor der Bücher Äquilibristischer Tanz zwischen Welten (2001) und „Wahrscheinlich hat diese Geschichte gar nichts mit Ihnen zu tun…“ Geschichten, Metaphern, Sprüche und Aphorismen in der Mediation (2008). Ich spreche mit ihm über die heilsame Wirkung von Geschichten in der Konfliktarbeit und frage ihn nach seinem ganz persönlichen Umgang mit Konflikten.
Lieber Herr Watzke! Unsere Interviewreihe konzentriet sich zum Einstieg immer auf die Begriffdefinition: Was ist ein Konflikt? Wie beschreiben Sie einen Konflikt?
Wo auch immer Menschen aufeinander treffen entstehen zumindest in der Wahrnehmung des einen oder anderen Teiles Störungen. Oder wie Günter Grass es in seinem Roman: der Butt, mit dem Reim auf die Formel bringt: „Meine Frau die Ilsebill will es nicht so, wie ich es will!“ Ich bezeichne das als eine soziale Störung, nämlich wenn ich mich durch das Verhalten eines anderen Menschen gestört fühle. Das ist aber noch kein Konflikt. Ob es sich um einen Konflikt handelt, entscheidet der Umgang mit dieser Störung. Aber auch hier ist der Begriff Konflikt für mich zunächst neutral, denn ich kann konstruktiv oder destruktiv mit einem Konflikt umgehen. Ist der Umgang konstruktiv, ist der Konflikt ein heilsamer, weil der Konflikt viel Positives mit sich bringen kann, das Entwicklung fördert. Wenn sich daraus eine destruktive Dynamik bildet, dann wird es leider zu einer üblen Sache.
Wann haben Sie begonnen sich mit Konflikten professionell auseinanderzusetzen?
Ich war lange Zeit Bewährungshelfer. 1985 wurde in Österreich ein Modellversuch gestartet, welcher dann Gesetz und im außergerichtlichen Tatausgleich institutionalisiert wurde. Dieses Modell galt vorerst nur für Jugendliche. 1991 haben wir dann begonnen mit Erwachsenen zu arbeiten. Letztlich habe ich dann praktisch Vollzeit als Konfliktregler für den außergerichtlichen Tatausgleich gearbeitet.
Bedeutet Konfliktregelung ausschließlich Mediation oder bieten Sie auch Einzelcoachings an?
Die Regel ist, dass die Beteiligten im Gespräch mithilfe eines Konfliktreglers eine Lösung finden.
Ich kann mir vorstellen, dass viele sich nicht an einen Tisch setzten wollen, um miteinander zu sprechen…
Bei den Damen und Herren, die zu uns kommen ist bereits ein Gerichtsverfahren anhängig und wir haben die Akten der Staatsanwaltschaft. Ich sage den Betroffenen auch, dass ich es verstehe, dass ihnen ein Zusammentreffen nach all den Geschehnissen unangenehm ist. Bei einer Gerichtsverhandlung müssen sie aber zumindest die gleiche Luft, im gleichen Raum zur gleichen Zeit, ein- und ausatmen. Und mehr verlange ich in der Mediation auch nicht von ihnen. Ich verbiete ihnen vorerst sogar miteinander zu sprechen. Sie müssen nur bereit sein, im Beisein der anderen Seite, mit mir zu sprechen. Und schließlich ist das Angebot der Mediation auch freiwillig. Wenn sie eine Gerichtsverhandlung bevorzugen, so können sie diese auch haben.
Was begeistert sie an der Arbeit mit Konflikten?
Ich bin fasziniert vom Extremen im Menschlichen und vom Menschlichen im Extremen. Was mich besonders fasziniert sind die Muster, die die Menschen ausbilden. Bei Paaren ist das natürlich besonders deutlich, weil sie sehr eng zusammenleben. Natürlich gibt es diese Muster auch in allen möglichen Beziehungen. Ich finde die Menschen auf diesem Planeten das Interessanteste.
Zurück zur Mediation. Sie sind bekannt für Ihren Stil der transgressiven Mediation. Erzählen Sie mir bitte mehr davon…
Es tut sich ein großes Feld, vor allem in Beziehungskonflikten auf, weil viele Menschen dazu neigen, wenn sie sich gestört fühlen, das Gegenüber bzw. andere Personen verändern zu wollen. Ich will also, dass mein:e Nachbar:in, meine Frau, mein Mann, wer auch immer, sich anders verhält, als er:sie es bisher tut. Das funktioniert aber nicht, weil kein Mensch einen anderen Menschen verändern kann, das kann nur jeder Mensch selbst tun. Im Konflikt sind die Verhaltensweisen bzw. -muster der Personen ineinander verschränkt. Im Prinzip kann man sagen, dass meine Arbeit darin besteht in diesen Verhaltensweisen Änderungen zu erzielen. Und wenn – egal welche – auch nur eine der beiden Personen an sich etwas verändert, dann verändert sie nolens volens die gesamte Dynamik.
Sie schreiben in Ihrem Buch „Wahrscheinlich hat diese Geschichte gar nichts mit Ihnen zu tun…“, dass Klient:innen anhand von Geschichten, Mythen oder Metaphern, etwas für sich, für ihre Situation herausnehmen können, das ihnen für ihr konkretes Problem hilft.
Wie der Name aus dem griechischen schon sagt, me:ta:pher: darüber tragen. Man trägt ein Muster, im Sinne einer Metapher oder einer Geschichte, über das Erleben der Person mit der ich gerade kommuniziere. Die Aussage… vielleicht hat es mit Ihnen gar nichts zu tun… ist eine Aufforderung an das Unbewusste, was kann es mit mir zu tun haben? Das heißt, die Person sucht und findet Bezüge aus dem eigenen Leben und zur eigenen Situation. Geschichten haben im Grunde genommen zwei wichtige Funktionen: Zum einen können sie zur Orientierung beitragen, indem ich erkenne, selbst in dieser Situation zu sein, zum anderen können sie einen Weg aus der Misere weisen, in dem sie ein Beispiel sind, wie man mit so einer Situation auch umgehen kann. Und das tolle ist, dass Geschichten nie verletzend sein können. Das ist praktisch auszuschließen, weil ich bloß eine Geschichte erzähle, die mit Ihnen wahrscheinlich nichts zu tun hat. Und wenn dem tatsächlich so ist, dass die Person mit der Geschichte nichts anfangen kann, ist das auch vollkommen okay. Meistens aber werden die Personen nachdenklich, weil die Geschichte auf verschiedenen Ebenen auf sie einwirkt, sowohl auf emotionaler als auch auf rationaler Ebene. Und das ist wichtig, dass diese beiden – also die Gefühlsebene und die Verstandesebene angesprochen werden. Wenn ich nur in meinem Gefühl bin, bin ich nicht handlungsfähig, wenn ich nur in meinem Hirn und mit meinem Herz und Bauch nicht verbunden bin, dann funktioniert es auch nicht. Bei positiven Veränderungen müssen beide Komponenten beteiligt sein.
Wie gehen sie mit eigenen Konflikten um?
Wenn ein Konflikt wirklich eskalationsträchtig ist, eine Kommunikation in eine destruktive Richtung lenkt, dann unterbreche ich und gehe einfach bzw. mache eine Pause. Es ist schwierig sich in einer solchen Situation, von einem Moment auf den anderen, völlig anders zu verhalten. Was man also tun kann ist abzubrechen.
Haben Sie das immer so gehandhabt oder haben sie das erlernt?
Das weiß ich gar nicht so genau. Wenn ich an meine Jahre als Jugendlicher zurückdenke, war es für andere sicherlich schwer mit mir einen destruktiven Konflikt auszutragen, weil ich nicht darauf eingestiegen bin. Ich glaube auch, dass Kränkungen und Verletzungen einem nur widerfahren können, wenn man es zulässt. Man kann als Narzisst für jede Kränkung offen sein, aber man kann sich im Wesentlichen auch unverletzlich machen, in dem man selbst entscheidet, was man an sich heranlässt und was nicht.
Könnte Ihr Konfliktverhalten vom Gegenüber auch als konfliktscheu bewertet werden?
Nein, denn ich informiere die andere Person darüber wie ich die Situation bewerte. Ich sage ihr, dass ich die Kommunikation destruktiv erlebe und ich auf diese Art und Weise nicht weitermache. Ich mache dann eine Pause, gehe beispielsweise eine halbe Stunde spazieren und komme dann wieder.
Vielleicht mit neuen Ideen, oder einem Gefühl das förderlich ist?
Ja.
Gehen Sie so auch mit Ihren inneren Konflikten um?
Ich habe keine! Ich bin glücklich und zufrieden mit dem Leben das ich lebe. Wenn man mir die hypothetische Frage stellen würde: „Würden Sie aus heutiger Sicht etwas an Ihrer Kindheit, an Ihrem Werdegang oder an Ihrem Leben ändern?“, könnte ich nur sagen: „Nein! keinen Deut würde ich ändern.“
Das klingt großartig!
Was würden Sie Menschen mitgeben, die in einem Konflikt stehen?
Die Menschen können sich aussuchen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Sie können sich in ihren Konflikt vertiefen und wenn sie mehr Distanz dazu haben wollen und an ihm arbeiten wollen, kann ich ihnen behilflich sein. Das geht nur, wenn es ihnen ein Anliegen ist und ich beliebe oft zu sagen: Ich bin ein Wegweiser, ich kann den Weg weisen, aber haben Sie jemals gesehen, dass ein Wegweiser einen Weg auch beschreitet? Das nicht, das müssen die Betroffenen selbst.
Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Von: Anna
17. Januar 2023
Bild: Contemporary Dance von Fabiola
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