Sascha Ferz ist Professor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz und Leiter des überfakultären Zentrums für Soziale Kompetenz. Er habilitierte sich für die Fächer Verwaltungsrecht, Mediation, Rechtssoziologie und Rechtsentwicklung. Darüber hinaus ist er als Vertreter der Österreichischen Universitätenkonferenz Mitglied des Beirats für Mediation des BMJ und wirkt außerdem als eingetragener Mediator (ZivMediatG) sowie als Trainer. Ich spreche mit ihm über Konflikte im nachbarschaftlichen Umfeld und stelle Fragen zum eigenen Konfliktverhalten.

Lieber Herr Ferz, ich beginne mit einer komplexen, aber vielleicht auch ganz simplen Frage: Was ist ein Konflikt? 

Sie beginnen sogleich mit der schwierigsten Frage, denn der Begriff Konflikt, lässt sich nicht allgemeingültig definieren. Viele unterschiedliche Disziplinen, wie etwa die Sozial,- Natur oder Rechtswissenschaften im engeren Sinn, versuchen dieses Phänomen mit ihrem je fachspezifischen Blick zu erfassen.

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl etwa, spricht von einem Konflikt, wenn eine soziale Interaktion Unvereinbarkeiten hervorruft, die zur Beeinträchtigung zumindest eines Aktors führt. Jurst:innen fügen dieser Definition hinzu, dass eine Unvereinbarkeit alleine noch nicht abschließend aussagt, ob ein Konflikt vorliegt. Solange die Unvereinbarkeit auf eine Norm rückführbar ist, die im Umfeld der Streitenden als gültig wahrgenommen und akzeptiert wird, liegt noch nicht zwingend eine konfliktäre Situation vor (Stichwort Wettbewerb). Wird diese besagte, gemeingültige Norm verletzt, entsteht daraus ein Konflikt.

Im Nachbarschaftsservice sind wir sehr oft mit Lärmkonflikten in Mehrparteienhäusern konfrontiert. Dabei handelt es sich nicht nur um allbekannte Lärmquellen wie Handwerks- oder Partylärm. Bereits die Bewegungsgeräusche des Nachbarn (Stichwort: Fersensporn) können Konflikte auslösen. Was kann man tun, wenn diese Geräusche zur Beeinträchtigung und damit zum Konflikt führen?

Eine Beeinträchtigung durch Lärm kann eine sich steigernde Konfliktdynamik auslösen. Friedlich Glasl hat in seinem Phasenmodell der Eskalation, diese Dynamik sehr augenscheinlich dargestellt. Wird ein Geräusch aus der Nachbarswohnung anfänglich als störend oder irritierend wahrgenommen, kann dasselbe Geräusch im Laufe der Konfliktgeschichte als persönlicher Angriff auf das Selbst („der/die Nachbarin handelt bewusst, um mir zu schaden“) empfunden werden.

Um Konflikte wie diesen zu bearbeiten, kann eine professionelle Beratung Möglichkeiten schaffen, um Informationsungleichgewichte aufzulösen. Bereits im Vorfeld kann die Schaffung von Hausregeln, das gemeinsame Leben im Mehrparteienhaus einfacher machen.

Hausordnungen stellen Verhaltensrichtlinien dar, an denen sich die Bewohnerinnen orientieren können.

Eine Orientierungsvorgabe durch eine Hausordnung ist in diesem Fall schwierig. Schließlich darf ich mich in meiner Wohnung zu jedem Zeitpunkt bewegen…

Wird ein Lärm aus subjektiver Sicht als ungebührlich und unrechtmäßig bewertet, müssen aus juristischer Sicht auch objektive Maßstäbe angesetzt werden. Hierbei gibt es allerdings keine allgemeingültige Formel, das Problem kann immer nur am Einzelfall ausgemacht werden. Eine Vielzahl an Aspekten und Fragen müssen berücksichtigt werden. Was bedeutet „laut“? Ist es messbar? Ist eine Veränderung umsetzbar, um das zu verhindern? Dazu kommt, dass man in Mehrparteienhäusern naturgemäß Umgebungsgeräuschen ausgesetzt ist, anders als etwa in einem Almhäuschen in den Bergen. Dasselbe gilt, wenn ich mich als Nachbar an eine nahegelegene laute Betriebsstätte ansiedle, und mich die Geräusche dieser stören. So ist es bereits im Vorfeld ratsam zu überlegen, in welche Umgebung man zieht und wie man sich im Bedarfsfall dagegen wappnen kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Kinder im Wohnumfeld. Hört man Kinder und stört sich daran, sind andere Lärmmaßstäbe anzusetzen als bei Erwachsenen.

Wenn Betroffene eines Nachbarschaftskonfliktes diesen klären möchten, in dem sie auf ihr Gegenüber zugehen und das Gespräch suchen. Was müssen Betroffene selbst mitbringen, damit ein Gespräch gelingen kann?

Ich brauche Mut, Courage und Selbstreflexionsfähigkeiten um mich auf eine solche Situation, nämlich, auf mein Gegenüber, das andere Ansichten hat als ich, einzulassen. Dasselbe gilt auch dann, wenn ich mir professionelle Unterstützung von außen hole. Mediator: inen wirken letztlich als Katalysatoren, die auch wenn es – bildlich gesprochen – lichterloh brennt, partiell Sicherheitsmaßnahmen setzen. Sie bringen eine Feuerschutzcreme an, damit die Funken nicht auf die Menschen überspringen und sie verbrennen. Damit aber die im Brandherd befindlichen Personen aus dem Angebot der Mediation Nutzen ziehen können, braucht es deren selbstverantwortliches Engagement, sich auf dieses Gespräch einzulassen. Wenn eine Person nicht selbstverantwortlich handeln kann, dann wird die Mediation nicht zielführend sein, denn sie kann einerseits keine eigenen Lösungen finden und andererseits auch nicht abschätzen, was diese Lösung für sie bedeutet.

Wie gesagt, egal ob ich mit meinem Nachbarn selbst das Gespräch suche oder mir Unterstützung von außen hole. Für beides gelten die gleichen Merkmale, die ich mitbringen muss: Mut, Courage und Selbstreflexion.

Wie gehen Sie mit persönlichen Konflikten um?

Diese Frage bekomme ich öfters gestellt und mitunter wird mir manchmal unterstellt, dass ich hierfür immer eine professionelle Herangehensweise habe. Das ist nicht der Fall. Auch ich empfinde einen Konflikt als unangenehm und störend und neige in meinen ersten Reaktionen, die Verfehlungen meines Gegenübers schneller zu sehen als die eigenen. Auch meine Kommunikationsmuster haben sich im Laufe der Zeit nicht merklich verändert. Was sich allerdings verändert hat, ist die Reflexion danach. Die Art und Weise darüber nachzudenken, hilft mir im weiteren Umgang mit dem Konflikt. Ich werde dabei hauptsächlich von der Frage geleitet, was mir in diesem Zusammenhang als wichtig erscheint. Dieses was umfasst meine Bedürfnisse, meine erwünschte Antwort auf eine spezifische Situation und einen reflexiven Blick auf meine eigenen Muster. Es ist erstaunlich, wie die eigenen Muster über all die Jahre trotzdem aktiviert werden. Wichtig aber ist, diese zu sehen und zu erkennen, dass es sie gibt und man stets genau hinzuschauen hat. Dies macht Veränderungen, die man sich erwünscht möglich und eröffnet die Chance, sich bewusst der Auswahl der Konfliktlösungsmuster nach Gerhard Schwarz zu bedienen.

Dazu passend meine letzte Frage: was möchten Sie Menschen mitgeben, die in einem Konflikt stehen?

Ich bin kein Freund von Ratgebern. Ich glaube, was zu jedem Zeitpunkt hilfreich ist, den Konflikt von außen, von der Seite aus zu betrachten und wie bereits zuvor erwähnt, die eigenen Handlungsmuster zu reflektieren. Damit öffnen sich Tür und Tor für die eigentlichen Bedürfnisse, Werte und Wünsche im Umgang mit dem Konflikt.

 

Leave A Comment