Franz Herrmann ist Sozialarbeiter, hat bei Hans Thiersch an der Universität Tübingen promoviert, seit 25 Jahren ist er Professor an der Hochschule Esslingen, er ist Mediator und hat mehrfach zu Konfliktarbeit publiziert. Im Interview sprechen wir über die Soziale Arbeit, ihre immanenten Konfliktpotentiale und einen möglichen Umgang damit.

Wie würden Sie den Begriff „Konflikt” beschreiben?

Das Schwierige ist, dass man den Begriff vielseitig verwendet: Zum einen im Alltag – hier spricht man auch von Streit oder Auseinandersetzung. Zum anderen ist es ein wissenschaftlicher Begriff, den man nicht nur in der Sozialen Arbeit, sondern auch in der Psychologie und Politikwissenschaft findet. Deshalb gibt es eine ganze Reihe an Begriffsdefinitionen. Ich finde die von Friedrich Glasl am besten, weil sie drei wichtige Elemente zusammenfasst: Der Konflikt ergibt sich erstens durch eine Unvereinbarkeit zwischen den Konfliktbeteiligten, geht zweitens mit einer Beeinträchtigung einher, die zumindest eine Konfliktpartei erfährt, und setzt drittens eine soziale Interaktion voraus.

Außerdem ist mir durch meine Tätigkeiten in der Sozialen Arbeit klar geworden: es gibt viele soziale Situationen oder strukturelle Konstellationen, in denen Widersprüche, Unvereinbarkeiten oder Beeinträchtigungen stecken, die nicht unbedingt ausgetragen werden, weil sie den Akteuren gar nicht bewusst sind. Es gibt also Konfliktpotenziale, die im Hintergrund wirken und unter gewissen Umständen plötzlich zu realen Konflikten werden können.

Auf diese Konfliktpotenziale würde ich später gerne zu sprechen kommen. Vorweg: Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit und am Nachdenken über Konflikte?

Ich finde, es ist ein ganz elementares menschliches Thema. Jede:r von uns hat eine mehr oder weniger produktive Konfliktbiografie: Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und in meiner Familie gab es auch – sagen wir mal so – eher unproduktive Formen der Konfliktbearbeitung (lacht). Das prägt! Im Laufe des Lebens und durch das Erleben von Konflikten wird man sozialisiert; man lernt Handlungsstrategien und Muster, die tief verankert sind. Vor dem Hintergrund ist es für absolut jede:n ein Thema, mit dem man umgehen muss und das Lernaufgaben mit sich bringt. Es stellt sich die Frage: Wie kann man eigentlich konstruktiv mit Konflikten umgehen? Darüber hinaus ist der Konflikt auch in gesellschaftlichen und internationalen Kontexten eine ganz elementare Form des Sozialen und des gesellschaftlichen Miteinanders. Und es gibt mehr denn je die gesellschaftliche Notwendigkeit, mit Unterschiedlichkeiten besser umzugehen.

Ich würde nun gern auf die Soziale Arbeit eingehen: Inwiefern sind Konflikte in der Sozialen Arbeit Thema? 

Mir ist aufgefallen, dass Konflikte in den Strukturen Sozialer Arbeit verankert sind. Soziale Arbeit ist ja – wie Habermas sagt – einerseits so etwas wie eine Vermittlungsinstanz zwischen System und Lebenswelt der Betroffenen und gleichzeitig ist Soziale Arbeit Teil des Systems. Daraus ergibt sich ein struktureller Widerspruch, der sich durch unterschiedliche Konfliktpotenziale äußert.

Wir müssen z.B. Balancearbeit leisten im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen: Es gibt erstens Aufträge, die gesetzlich vorgegeben sind oder von Geldgebern definiert werden, wir müssen zweitens Bedürfnisse der Adressat:innen berücksichtigen und haben drittens eigene fachliche Überzeugungen, die es einzuflechten gilt. Diese unterschiedlichen Aufträge in Balance zu halten und handlungsfähig zu bleiben, ist eine zentrale Aufgabe.

Ein weiteres Konfliktpotenzial ergibt sich durch das Nähe- und Distanzverhältnis zu Adressat:innen: Einerseits öffnen sich Adressat:innen uns gegenüber mit ihren Lebensgeschichten und andererseits sind wir nicht Freunde oder Kumpels von Adressat:innen, sondern Personen mit einem bestimmten Auftrag. Jedes Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit hat zusätzlich seine spezifischen Konfliktpotentiale, insbesondere wenn es um Kontexte geht, in denen Adressat:innen nicht freiwillig sind, beispielsweise in der Straffälligenhilfe oder im Kinderschutz.

Für Fachkräfte ist es daher notwendig, mit einem hohen Grad an Reflexivität an die Sache zu gehen: Es geht darum, seine eigene Konfliktbiografie zu reflektieren und Muster zu erkennen, die sich auf Wahrnehmung und Handeln auswirken. In konkreten Situationen sollte reflektiert werden: „Was ist mein Auftrag? Was ist meine Rolle im Geschehen?”.

Welche Methoden bietet die Soziale Arbeit für den Umgang mit Konflikten?

Diese Frage kann man auf unterschiedlichen Ebenen beantworten. Grundsätzlich kann man personen- und strukturbezogene Methoden unterscheiden. Erstere beziehen sich auf die unmittelbare Arbeit mit Menschen, also beispielsweise Beratung, Vermittlung, konfrontative Interventionen und deeskalierende Methoden. Bei zweiteren geht es nicht um Personen, sondern um den sozialen oder räumlichen Kontext, in dem sich Konflikte abspielen – das kann eine Stadt, ein Gemeinwesen oder eine Organisation sein.

Strukturbezogene Methoden werden weniger häufig in Theorie und Praxis thematisiert. Wenn man jedoch nur auf die Personen achtet und nicht das Setting, die Organisation oder Struktur einbezieht, geht man oft unproduktive, wenig nachhaltige Wege der Konfliktlösung. Man beachtet nur einen Teil der Konfliktursachen und zieht falsche Schlüsse. Deswegen ist es für mich ein großes Anliegen, immer wieder darauf hinzuweisen.

Ziel ist es, strukturelle Konfliktpotentiale zu erkennen, aufzulösen oder zumindest einen besseren Umgang damit zu finden. Und da gibt es eben ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Diese Fragen kennen Sie wahrscheinlich aus dem Feld der Gemeinwesenarbeit: Wie kann ich die Lebensqualität oder Wohnzufriedenheit der Menschen in einem bestimmten Sozialraum verbessern? Wie kann ich isoliert lebende Menschen vernetzen und ihre Handlungsspielräume erweitern? Oder: Wie können die Anliegen von Adressat:innen in der jeweiligen Gemeinde von der Kommunalpolitik besser gehört werden? Wie kann ich dabei unterstützen, dass Bewohner:innen ihr Handeln organisieren und sie sich an politischen Entscheidungsprozessen beteiligen?

Auch auf der Ebene von Organisationen Sozialer Arbeit kann man Konfliktpotentiale thematisieren und einen Umgang damit finden, was sich wiederum auf die Qualität der Abläufe auswirkt. Ich kann Ihnen ein Beispiel aus der Arbeit der Jugendämter in Deutschland schildern: Es gibt zum einen das Elternrecht in der Erziehung, das grundgesetzlich garantiert ist. Es gibt aber eben auch das staatliche Wächteramt für das Kindeswohl. Für Mitarbeiter:innen des Jugendamts sind im Falle einer potentiellen Gefährdung des Kindeswohls Abwägungs- und Entscheidungsprozesse besonders heikel. Man muss beispielsweise in der Situation schnell rausfinden: Was ist hier los? Wie gefährlich ist die Situation? Kann das Kind bei der Familie bleiben oder nicht? Welche Folgen könnte das haben?

Das ist ein zentraler Schlüsselprozess in der Organisation, der nicht der Fachkraft allein überlassen werden kann, sondern durch ein klares Verfahren organisiert werden muss. Das schafft sowohl für die Fachkraft als auch für die Adressat:innen Klarheit. In diesem Sinne wird ein sicherer Rahmen geschaffen, der zur Qualität der Abläufe beiträgt und Konflikte minimiert.

Ja, vielen Dank für diesen Überblick. Ich würde Ihnen nun gern zwei persönliche Fragen stellen. Als erstes: Wie begegnen Sie Ihren persönlichen Konflikten?

Ich versuche erst mal darauf zu achten, dass Konflikte möglichst nicht weiter eskalieren, und versuche sie auf dem Niveau zu halten, wo man noch gut miteinander reden kann. Dafür ist es hilfreich, dass man die Sach- und Beziehungsebene im Gespräch auseinanderhält, auch wenn’s manchmal schwerfällt. Konflikte haben ja auch eine emotionale Komponente, die kann tückisch werden: Wir verfallen in das „Rechthabenwollen” und sehen nur mehr die eigenen Interessen. Dabei gibt es in Konflikten immer mehrere Versionen, was passiert ist. Je weiter der Konflikt eskaliert ist, desto schwieriger ist diese Einsicht.

Ich versuche in meinem Verhalten berechenbar zu sein, also transparent zu machen, warum ich bestimmte Dinge getan habe oder was die nächsten Schritte meines Handelns sind.

Für mich ist außerdem wesentlich, den eigenen Anteil am Konflikt zu klären, auch wenn das oft nicht ganz einfach ist, weil man bestimmte blinde Flecken hat. Deshalb sind manchmal Außenstehende hilfreich, die Feedback geben und helfen, bestimmte Muster zu erkennen. Wenn man seine eigene Konfliktbiografie reflektiert, kann man emotionale Muster und blinde Flecken erkennen und sich selbst und Konfliktsituationen besser verstehen.

Was meinen Sie, unter welchen Bedingungen können wir an den eigenen Konflikten wachsen?

Es ist zunächst wichtig, sich Konflikten zu stellen und sie nicht zu ignorieren. Man lässt sie erstmal zu und begibt sich auf eine Gratwanderung: Hier erfährt man sich auf eine sehr direkte Weise mit seinen Stärken und Schwächen. Das ist, glaube ich, die große Chance, die in Konflikten steckt. Es braucht die Bereitschaft, emotionale Impulse zu reflektieren und ihnen nicht schlicht nachzugeben. Die Schwierigkeit ist, sein Gegenüber trotz Emotionen hören zu können und mit dem, was die Person sagt, umzugehen. Und das kann wirklich anstrengend sein! Grade wenn das Gesagte oder die Handlung gegen wichtige eigene Werte verstößt.

So gesehen erscheinen Konflikte auf den ersten Blick meistens lästig, aber der Punkt ist: Konflikte beinhalten wichtige Lernmöglichkeiten – man erfährt etwas über sich und das Miteinander. In den heutigen Zeiten, in denen Gesellschaften diverser werden und der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält, bröckeliger wird, sollte uns die Frage umtreiben: Wie können wir mit Unterschiedlichkeiten gut umgehen? In dieser Sache ist jede:r von uns gefragt.

 

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