Bis jetzt waren alle der Protestsongs, denen wir uns gewidmet haben, auf Englisch. Selbstverständlich gibt es aber auch viele Protestlieder in anderen Sprachen, darunter natürlich auch Deutsch. Diese wollen wir uns jedoch für ein anderes Mal aufbehalten – diesmal geht es nämlich nach Frankreich, wo der Sänger Renaud ein Lied von großer historischer Bedeutung und Einfluss komponierte.

„Hexagone“ (1975), der Titel des Songs von Renaud, spielt auf die Form Frankreichs an. In dem Lied wird Monat für Monat das Leben eines „aam aadmi“, auf Deutsch etwa Durchschnittsbürger:in, besungen. Dabei geht es um verschiedene Ereignisse, an die man sich erinnert, und Feste, die gefeiert werden. Allzu fröhlich oder heiter, wie man aufgrund dieser Beschreibung vielleicht annehmen möchte, ist der Protestsong jedoch nicht: Tatsächlich geht es in „Hexagone“ um Klassenunterschiede, politische Heuchelei und soziale Stagnation, was für zahlreiche gesellschaftliche Debatten sorgte.

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So geht es etwa in der Strophe über den Jänner darum, dass oberflächlich das Neue Jahr gefeiert wird, sich das Land und die Einstellung der Menschen jedoch nicht ändern. Im Teil über den Februar geht es um die tragischen Ereignisse an der Metrostation Charonne, wo 1962 die Polizei versuchte, eine Demonstration gegen den Algerienkrieg aufzulösen und neun Personen im dadurch entstandenen Gedränge starben. Im Text zum März verspottet Renaud die Wut in Frankreich über die Hinrichtung zweier Anarchisten in Spanien und weist darauf hin, dass die Todesstrafe in Frankreich selbst noch nicht abgeschafft wurde – und zwar bis ins Jahr 1981.

In der Strophe über den April geht es um die Konservativität der französischen Gesellschaft, also um deren ängstliche, auf Regeln versteifte Mentalität. Im Mai bedauert er die Tatsache, dass nach dem revolutionären Aufbruch von Mai 1968, wo Studentenprotesten und Generalstreiks stattfanden, letztlich doch die Rechten die Wahlen gewannen. Der Juni thematisiert das jährliche Feiern der Landung der Alliierten in der Normandie (1944), während gleichzeitig die Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland unter dem Regime von Marschall Pétain, einem ehemaligen Helden des Ersten Weltkriegs, scheinbar kollektiv vergessen wird.

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Im Juli, dem Monat des französischen Nationalfeiertags (14. Juli, Sturm auf die Bastille) kontrastiert Renaud die revolutionären Ideale mit der heutigen Realität: Nach wie vor sind Armut, Ausbeutung und soziale Ungleichheit präsent im modernen Frankreich. In der Strophe über den August lässt sich Renaud darüber aus, dass die Menschen Küstenregionen in Frankreich, Spanien und Griechenland einnehmen und dort all die Strände verschmutzen. Im September kritisiert er die reaktionslose Haltung Frankreichs zum Militärputsch in Chile im Jahr 1973 und lässt sich über die selektive Empörung aus, die die Gesellschaft nicht für alle Länder übrig zu haben scheint.

In der Strophe über den Oktober sind die nationalen Klischees dran: Wein und Camembert werden kurzerhand zu den Nationalsymbolen und zur Ehre Frankreichs. Im November macht Renaud sich darüber lustig, dass die Menschen Autos, Fernsehen und Pferdewetten wie Opium verwenden, um die Realität zu vergessen – Konsum und Eskapismus werden hier an den Pranger gestellt. Schließlich, im Text über den Dezember, geht es ebenfalls wieder um Konsum: Üppiges Essen, Geschenke, Festlichkeiten. Renaud sieht Weihnachten als Ausdruck einer konsumfixierten, entpolitisierten Gesellschaft, der die Welt am Allerwertesten vorbeigeht, solange sie nur ihren Spaß haben kann.

Hexagone – Renaud ² (Dt. Übersetzung: deepl)

Ils s’embrassent au mois de janvier,
car une nouvelle année commence,
mais depuis des éternités
l’a pas tell’ment changé la France.
Passent les jours et les semaines,
y’a qu’le décor qui évolue,
la mentalité est la même:
tous des tocards, tous des faux culs.
Sie küssen sich im Januar,
denn ein neues Jahr beginnt,
aber seit Ewigkeiten
hat sich Frankreich nicht wirklich verändert.
Die Tage und Wochen vergehen,
nur die Kulisse verändert sich,
die Mentalität bleibt dieselbe:
allesamt Versager, allesamt Heuchler.
Ils sont pas lourds en février,
à se souvenir de Charonne,
des matraqueurs assermentés
qui fignolèrent leur besogne.
La France est un pays de flics,
à tous les coins d’rue y’en a cent,
pour faire régner l’ordre public
ils assassinent impunément.
Im Februar fällt es ihnen nicht schwer,
sich an Charonne zu erinnern,
an die vereidigten Schlagstöcke,
die ihre Arbeit verfeinerten.
Frankreich ist ein Land der Polizisten,
an jeder Straßenecke stehen hundert,
um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten,
morden sie ungestraft.
Quand on exécute au mois d’mars,
de l’autr’côté des Pyrénées,
un anarchiste du Pays Basque,
pour lui apprendre à s’révolter;
ils crient, ils pleurent et ils s’indignent
de cette immonde mise à mort;
mais ils oublient qu’la guillotine
chez nous aussi fonctionne encore.
Wenn im März
auf der anderen Seite der Pyrenäen
ein Anarchist aus dem Baskenland hingerichtet wird,
um ihm eine Lektion in Sachen Rebellion zu erteilen,
schreien sie, weinen sie und empören sie sich
über diese abscheuliche Hinrichtung;
aber sie vergessen, dass die Guillotine
auch bei uns noch funktioniert.
Être né sous l’signe de l’hexagone,
c’est pas c’qu’on fait d’mieux en c’moment;
et le roi des cons, sur son trône,
j’parierai pas qu’il est allemand.
In Frankreich geboren zu sein,
ist momentan nicht gerade das Beste;
und der König der Idioten auf seinem Thron,
ich würde nicht darauf wetten, dass er Deutscher ist.
On leur a dit, au mois d’avril,
à la télé, dans les journaux,
de pas se découvrir d’un fil,
que l’printemps c’était pour bientôt.
Les vieux principes du seizième siècle,
et les vieilles traditions débiles,
ils les appliquent tous à la lettre;
y m’font pitié ces imbéciles.
Im April wurde ihnen gesagt,
im Fernsehen, in den Zeitungen,
sie sollten sich nicht zu leicht kleiden,
der Frühling würde bald kommen.
Die alten Prinzipien des 16. Jahrhunderts
und die alten dummen Traditionen,
sie halten sich alle strikt daran;
diese Dummköpfe tun mir leid.
Ils se souviennent au mois de mai
d’un sang qui coula rouge et noir,
d’une révolution manquée
qui faillit renverser l’Histoire.
J’me souviens surtout d’ces moutons,
effrayés par la liberté,
s’en allant voter par millions
pour l’ordre et la sécurité.
Sie erinnern sich an den Mai,
an das rote und schwarze Blut,
an eine gescheiterte Revolution,
die beinahe die Geschichte umgekrempelt hätte.
Ich erinnere mich vor allem an diese Schafe,
die Angst vor der Freiheit hatten
und zu Millionen zur Wahl gingen,
um für Ordnung und Sicherheit zu stimmen.
Ils commémorent au mois de juin
un débarquement d’Normandie;
ils pensent au brave soldat ricain
qu’est v’nu se faire tuer loin d’chez lui.
Ils oublient qu’à l’abri des bombes,
les Français craient „Vive Pétain“,
qu’ils étaient bien planqués à Londres,
qu’y avait pas beaucoup d’Jean Moulin.
Im Juni gedenken sie
der Landung in der Normandie;
sie denken an den tapferen amerikanischen Soldaten,
der weit weg von seiner Heimat ums Leben kam.
Sie vergessen, dass die Franzosen, geschützt vor den Bomben,
„Es lebe Pétain“ riefen,
dass sie sich sicher in London versteckt hielten
und dass es nicht viele Jean Moulins gab.
Être né sous l’signe de l’hexagone,
c’est pas la gloire en vérité;
et le roi des cons, sur son trône,
me dites pas qu’il est portugais.
In Frankreich geboren zu sein,
ist in Wahrheit kein Ruhm;
und der König der Idioten auf seinem Thron,
sagen Sie mir nicht, er sei Portugiese.
Ils font la fête au mois d’juillet,
en souv’nir d’une révolution
qui n’a jamais éliminé
la misère et l’exploitation.
Ils s’abreuvent de bals populaires,
d’feux d’artifice et de flonflons;
ils pensent oublier dans la bière
qu’ils sont gouvernés comme des pions.
Im Juli feiern sie ein Fest,
zur Erinnerung an eine Revolution,
die Elend und Ausbeutung
nie beseitigt hat.
Sie überhäufen sich mit Volksfesten,
Feuerwerken und Straßenliedern;
im Bier glauben sie vergessen zu können,
dass sie wie Schachfiguren regiert werden.
Au mois d’août c’est la liberté,
après une longue année d’usine;
ils crient : „Vive les congés payés“,
ils oublient un peu la machine.
En Espagne, en Grèce ou en France,
ils vont polluer toutes les plages;
et par leur unique présence
abîmer tous les paysages.
Im August ist Freiheit angesagt,
nach einem langen Jahr in der Fabrik;
sie rufen: „Es lebe der bezahlte Urlaub!“,
sie vergessen ein wenig die Maschine.
In Spanien, Griechenland oder Frankreich
verschmutzen sie alle Strände;
und allein durch ihre Anwesenheit
verunstalten sie alle Landschaften.
Lorsqu’en septembre on assassine
un peuple et une liberté,
au cœur de l’Amérique latine,
ils sont pas nombreux à gueuler.
Un ambassadeur se ramène;
bras ouverts il est accueilli,
le fascisme c’est la gangrène
à Santiago comme à Paris.
Als im September
ein Volk und seine Freiheit
im Herzen Lateinamerikas ermordet wurden,
haben nur wenige lautstark protestiert.
Ein Botschafter taucht auf;
mit offenen Armen wird er empfangen,
Faschismus ist wie eine Wunde,
in Santiago wie in Paris.
Être né sous l’signe de l’hexagone,
c’est vraiment pas une sinécure;
et le roi des cons, sur son trône,
il est français, ça j’en suis sûr.
In Frankreich geboren zu sein,
ist wirklich kein Zuckerschlecken;
und der König der Idioten auf seinem Thron
ist Franzose, da bin ich mir sicher.
Finies les vendanges en octobre,
le raisin fermente en tonneaux;
ils sont très fiers de leurs vignobles,
leurs „Côtes-du-Rhône“ et leurs „Bordeaux“.
Ils exportent le sang de la terre
un peu partout à l’étranger;
leur pinard et leur camembert,
c’est leur seule gloire à ces tarés.
Die Weinlese im Oktober ist vorbei,
die Trauben gären in Fässern;
sie sind sehr stolz auf ihre Weinberge,
ihre „Côtes-du-Rhône” und ihre „Bordeaux”.
Sie exportieren das Blut der Erde
fast überall ins Ausland;
ihr Wein und ihr Camembert
sind der einzige Ruhm dieser Verrückten.
En Novembre, au Salon d’l’auto,
ils vont admirer par milliers
l’dernier modèle de chez Peugeot,
qu’ils pourront jamais se payer.
La bagnole, la télé, l’tiercé,
c’est l’opium du peuple de France;
lui supprimer c’est le tuer;
c’est une drogue à accoutumance.
Im November werden sie auf dem Autosalon
zu Tausenden
das neueste Modell von Peugeot bewundern,
das sie sich niemals leisten können.
Das Auto, der Fernseher, die Pferdewette,
das ist das Opium des französischen Volkes;
es ihm wegzunehmen bedeutet, es zu töten;
es ist eine Droge, die süchtig macht.
En décembre c’est l’apothéose,
la grande bouffe et les p’tits cadeaux;
ils sont toujours aussi moroses,
mais y’a d’la joie dans les ghettos.
La Terre peut s’arrêter d’tourner,
ils rat’ront pas leur réveillon;
moi j’voudrais tous les voir crever,
étouffés de dinde aux marrons.
Im Dezember ist der Höhepunkt,
das große Fressen und die kleinen Geschenke;
sie sind immer noch genauso mürrisch,
aber in den Ghettos herrscht Freude.
Die Erde könnte aufhören, sich zu drehen,
sie verpassen ihren Silvesterabend nicht;
ich würde sie alle gerne sterben sehen,
erstickt am Truthahn mit Kastanien.
Être né sous l’signe de l’Hexagone,
on peut pas dire qu’ça soit bandant;
si l’roi des cons perdait son trône,
y’aurait cinquante millions de prétendants.
In Frankreich geboren zu sein,
kann man nicht gerade als aufregend bezeichnen;
würde der König der Idioten seinen Thron verlieren,
gäbe es fünfzig Millionen Anwärter.

Quellen:
https://www.paroles.net/renaud/paroles-hexagone
https://frenchforenglishhindispeakers.wordpress.com/2018/02/24/lhexagone-une-chanson-de-renaud/
https://www.lecafuron.fr/2015/04/1975-renaud-critique-dans-hexagone-une-france-qui-ne-tourne-plus-rond.html

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Von: Miriam

31. Juli 2025

Bild: Foto von Rafael Garcin auf Unsplash

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