In dieser Reihe haben wir uns bereits mit einigen Protestsongs befasst – mit englischen, französischen, afrikanischen, und noch vielen weiteren. All diese Protestlieder standen jedoch meist allein und wurden so Symbole für Widerstand und Rebellion. Was aber nun, wenn gleich mehrere Protestsongs auf einmal gespielt werden, um ein Zeichen zu setzen? In diesem Falle erhält man ein ganzes Protestkonzert, wie etwa 2018 in Deutschland, genauer gesagt in Chemnitz.

Ebenjenes Protestkonzert hatte selbstverständlich eine Vorgeschichte. In der Früh des 26. August 2018, um etwa drei Uhr in der Früh, kam es am Rande des Chemnitzer Stadtfestes in der Brückenstraße zu einem tödlichen Messerangriff. Die genaue Dynamik ist nicht in allen Details vollständig geklärt, es scheint jedoch zu einer spontanen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen gekommen zu sein, die sich einigen Quellen zu Folge um Zigaretten drehte. Dabei wurde der 35 Jahre alte Daniel H. erstochen, zwei weitere Männer wurden schwer verletzt. Die Tatverdächtigen waren zwei Asylwerber aus Syrien und dem Irak.

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Der Mord versetzte die sächsische Stadt in Aufruhr. Mehrere rechtspopulistische und (vermeintlich) rechtsextreme Gruppen, wie etwa die Vereinigung „Pro Chemnitz“, riefen über die sozialen Medien zu Demonstrationen gegen „Ausländerkriminalität“ auf, um zu zeigen, „wer in der Stadt das Sagen habe“. Bürger:innen und Rechtsradikale marschierten Seite an Seite, die Demonstrationen der mehreren Tausend Menschen wurden von Neonazi-Parolen, Hitlergrüßen und Szene-Kleidung begleitet. Mindestens 18 Menschen wurden bei ausländerfeindlichen und antisemitischen Ausschreitungen verletzt.

Bild von Petar Marjanovic

Infolge dieser Demonstrationen kam es zu Gegenprotesten, um ein Zeichen gegen Rassismus, Fremdenhass und Gewalt zu setzen. Zu diesen Gegenprotesten gesellte sich ein ganz besonderes Event: Ein kostenloses Open-Air-Konzert in Chemnitz, bei dem mehrere Musiker:innen und Bands auftraten. Das Konzert, das von der Band Kraftklub unter dem Hashtag #wirsindmehr initiiert wurde, begann am 3. September 2018 mit einer Schweigeminute für den verstorbenen Daniel H. Anschließend traten dort unter anderem Casper, K.I.Z., die Toten Hosen und Marteria auf und protestierten gemeinsam mit den rund 65 000 Besucher:innen gegen Rechtsextremismus. Die beteiligten Musiker:innen riefen dazu auf, diejenigen Menschen zu unterstützen, die sich täglich gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren, und dazu, Solidarität für all jene zu zeigen, die nach dem Tod von Daniel H. attackiert wurden. Außerdem wurden beim Konzert auch Spenden gesammelt, die je zur Hälfte an die Angehörigen von Daniel H. und an antirassistische Initiativen in Sachsen gehen sollten.

Geplante Gegendemonstrationen aus dem rechtsradikalen Lager wurden für diesen Tag untersagt, bloß die Sichtung vereinzelter Gruppen in szenetypischer Kleidung auf dem Konzert wurde berichtet. Auch Aufrufe rechtsradikaler Aktivist:innen in den sozialen Netzwerken vor dem Konzert wie etwa solche, die Veranstaltung mit Zusagen zu fluten und so die Absage zu erzwingen, schlugen fehl.

Quellen:
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/chemnitz/chemnitz-stollberg/chemnitz-ausschreitungen-chronologie-demonstrationen-100_page-2_zc-ad1768d3.html

https://www.dw.com/de/chemnitz-wer-t%C3%B6tete-daniel-h/a-47939242
https://www.deutschlandfunk.de/2018-in-sachsen-chemnitz-eine-zerrissene-stadt-100.html
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-09/wirsindmehr-chemnitz-sachsen-konzert-rassismus-kraftklub-feine-sahne-fischfilet
https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wirsindmehr-konzert-gegen-rechts-chemnitz-will-viel-mehr-sein-a-1226373.html

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