Vergessene Kriege

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Foto: Foto von sebastian herrera auf Unsplash
Kolumbien – Konflikt ohne Ende
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Kolumbien – Schauplatz eines der längsten und komplexesten Konflikte der Welt. Es ist nicht nur das Land mit der zweithöchsten sozialen Ungerechtigkeit Lateinamerikas, sondern mit 8 000 000 Binnenvertriebenen auch auf Platz 3 der Länder mit den meisten intern vertriebenen Personen weltweit. Seit den 1960ern gibt es dort bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen mehreren Parteien aufgrund von sozialer Ungerechtigkeit. Davon kriegt man allerdings, abgesehen von ein, zwei kleinen Berichten hin und wieder, im Vergleich zu anderen Kriegen und Konflikten eigentlich recht wenig mit. Ein Grund mehr also, sich einmal in Erinnerung zu rufen, was in Kolumbien eigentlich vor sich geht und wie es dazu kam.
Für einen solch langen und auch verstrickten Konflikt kann es eigentlich nur kaum eine einzige Ursache geben, die diesen noch immer am Leben erhält. Aber im Falle Kolumbiens gibt es neben der Drogenökonomie und der fehlenden politischen Teilhabe zumindest einen Hauptgrund, dem die bewaffneten Auseinandersetzungen zu verschulden sind: Die extrem ungleiche Verteilung von Landbesitz.

Bettyreategui, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Bloß etwa 1% der Landbesitzer:innen bewirtschaften 80% sämtlicher Agrarflächen, die das Land zu bieten hat, für die übrigen 99% bleibt nur ungefähr ein Fünftel des Bodens übrig. Großgrundbesitzer:innen und multinationale Agrar- und Bergbauunternehmen stellen mit Unterstützung der Regierung eigene paramilitärische Kommandos auf oder beauftragen die kolumbianische Armee damit, ihr Land zu verteidigen. Nicht nur von diesen, sondern auch von Drogenkartellen wird zur Vertreibung oder Ermordung der Kleinbäuer:innen geschritten, um Land zu behalten oder weiteres hinzuzugewinnen. Zur Wehr gegen all die Übergriffe von Seiten der Regierung, der paramilitärischen Kommandos und der Drogenkartelle werden seit den 1960er-Jahren schon kleinbäuerliche und studentische Widerstands- und Guerillagruppen gegründet, die der ungleichen Verteilung des Landes und den resultierenden Ungerechtigkeiten entgegenwirken wollen. Dazu gehören etwa die „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“ (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC) und die „Ejércitos de Liberación Nacional“ (Nationale Befreiungsarmee, kurz ELN).
Die Taktiken, zu denen die Guerillagruppen schreiten, sind vor allem Anschläge sowohl auf staatliche Einrichtungen als auch auf Politiker:innen, Lösegelderpressung sowie auch die Kontrollübernahme über bestimmte Landteile. Die Regierung hingegen setzt vor allem auf Militärgewalt und die Ausnahmegesetzgebung „Recht auf Selbstverteidigung“, die zur Folge hatte, dass es nun auch paramilitärische Einheiten gibt, die sich als Lynchgruppen von (vermeintlichen) Guerilla-Anhänger:innen verstehen, Menschenrechtler:innen und Journalist:innen verschwinden lassen, sowie auch Kleinbäuer:innen zur Flucht zwingen. Die USA unterstützen die kolumbianische Regierung seit den 2000er Jahren mit dem „Plan Colombia“, um Guerilla und Drogenkartelle zu bekämpfen. Unter Präsident Uribe kommt es zwar 2004 zur offiziellen Entwaffnung der paramilitärischen AUC, diese blieb jedoch unvollständig. Stattdessen entstanden weitere bewaffnete Gruppen, die sich an Drogenhandel und Gewalt beteiligen.

U.S. Department of State from United States, Public domain, via Wikimedia Commons
Trotz des im Jahr 2016 geschlossenen Friedensabkommens mit der FARC kann in Kolumbien nicht von einem dauerhaften Frieden gesprochen werden. Zwar ging die konfliktbedingte Gewalt zunächst zurück, doch seit einigen Jahren eskaliert die Lage erneut. Allein im ersten Halbjahr 2022 wurden über 70.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Zwischen 2016 und Juli 2022 wurden zudem über 1.300 Aktivist:innen und mehr als 300 ehemalige FARC-Kämpfer:innen ermordet. Besonders gefährdet sind jene Menschen, die sich gegen große wirtschaftliche Projekte wie Bergbau, Energie- oder Agrarindustrie einsetzen oder sich für die Rechte ihrer Gemeinschaften stark machen. In vielen Regionen kontrollieren bewaffnete Gruppen weiterhin das Gebiet, darunter die ELN und paramilitärische Nachfolgeorganisationen. Sie verüben Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere Menschenrechtsverteidiger:innen, Journalist:innen sowie indigene und afrokolumbianische Führungspersönlichkeiten.
Mit der Wahl des linken Präsidenten Gustavo Petro im Jahr 2022 zeichnet sich ein politischer Wandel ab. Er verfolgt mit dem vorgeschlagenen „Gesetz des totalen Friedens“ das Ziel, Friedensverhandlungen mit allen bewaffneten Gruppen zu führen, um den jahrzehntelangen Konflikt endlich zu beenden. Die Umsetzung bleibt jedoch herausfordernd angesichts der weiterhin hohen Gewalt und der komplexen Machtverhältnisse in vielen Landesteilen.
Quellen:
https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54621/kolumbien/
https://www.friedensbildung-bw.de/kolumbien-konflikt
https://linx.rosalux.de/was-ist-los-in-kolumbien
https://orf.at/stories/3382631/
https://www.dw.com/de/mehr-krieg-als-frieden-in-kolumbien-fragen-und-antworten-eln-farc-catatumbo-venezuela-gustavo-petro/a-71385909
Von: Miriam
4. Juli 2025
Bild: Foto von sebastian herrera auf Unsplash
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