In Haiti herrscht Ausnahmezustand – und das schon seit Jahren. Wichtige Routen und ganze Städte werden von Gangs kontrolliert, das öffentliche Leben ist praktisch zum Stillstand gekommen, der Tod vieler Menschen, darunter auch Zivilist:innen, ist mehr Norm als Seltenheit. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Die derzeitigen Zustände lassen sich vor allem aufs Jahr 2018 zurückführen. Der damalige Präsident Jovenel Moïse strich aufgrund von Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Subventionen für Treibstoffe, was zahlreiche Proteste der Bürger:innen hervorrief. Daraufhin herrschten immer wieder bürgerkriegsähnliche Zustände, gegen die mit Polizeigewalt vorgegangen wurde, etwa mit Tränengas und scharfer Munition, was zahlreiche Todesopfer forderte. Bis 2023 hatte die Zahl der Toten bereits die Tausend überstiegen. Schulschließungen, geschlossene Geschäfte, andauernde Streiks und der Stillstand des Transportwesens setzten dem öffentlichen Leben zu.

U.S. Department of Defense Current Photos, Public domain, via Wikimedia Commons

Zwar wurde die Maßnahme zum Streichen der Subventionen aufgrund der ausufernden Proteste zurückgenommen, dennoch entspannte sich die Lage kaum: Korruptionsvorwürfe, die durch Untersuchungen des Senats und des Obersten Gerichtshofs aufkamen, führten zu weiteren Unruhen und Schreien nach Veränderung. Daraufhin sagte Moïse die ursprünglich für Oktober 2019 angedachten Parlamentswahlen ab und regierte per Dekret. Zusätzlich hatte sich das schon im Jahr 1995 aufgelöste korrupte Militär im Jahre 2017 entgegen der Interessen der Opposition neu formiert, was 2020 eine Konfrontation zwischen Polizeikräften und Soldaten auslöste. Dies wurde von der Regierung als Putschversuch eingestuft.

Seit Präsident Moïse im Juli 2021 von Unbekannten ermordet wurde und Ariel Henry die Regierungsgeschäfte bis April 2024 übernahm, befindet sich das Land im politischen Chaos. Kein Präsident, kein Parlament, keine Neuwahlen. Dies kam vor allem diversen kriminellen Banden gelegen, die die instabile Lage ausnutzten, um mehr Einfluss und Kontrolle zu gewinnen. Auch hier zeichnen sich Verbindungen zu politischen Kreisen ab, unter anderem ist der ehemalige Polizist Jimmy Chérizier („Barbecue“) der aktuell einflussreichste Gang-Anführer in Haiti und verantwortlich für zahlreiche Massaker im Raum um die Hauptstadt Port-au-Prince.

USAID’s Bureau for Humanitarian Assistance, Public domain, via Wikimedia Commons

Aktuell stehen rund 90% von Port-au-Prince unter Bandenkontrolle, allein zwischen Oktober 2024 und Juni 2025 wurden fast 5000 Menschen getötet. Über 1,3 Millionen Menschen sind innerhalb Haitis auf der Flucht, viele leben in unsicheren Unterkünften ohne angemessene Versorgung. Viele wichtige Institutionen, insbesondere Krankenhäuser, sind geschlossen, in Haiti herrscht eine offiziell bestätigte Hungernot. Und damit nicht genug: Immer und immer wieder wird Haiti von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hurricanes und Überschwemmungen getroffen, die die dortige Infrastruktur zerstören und weitere Todesopfer fordern.

Seit dem großen Erdbeben 2010 sind tausende Hilfsorganisationen in Haiti aktiv gewesen. Milliarden an Spendengeldern wurden versprochen. Doch bei den Menschen kam davon nur wenig an. Ein großes Problem dabei ist jedoch, dass viele der ausländischen Organisationen arbeiteten ohne Kontrolle und ohne die Einbindung haitianischer Gruppen oder Behörden arbeiten. Auch heute gehen fast alle Hilfsgelder an große internationale Organisationen – lokale Initiativen bekommen fast nichts.

Das hat nicht nur das Vertrauen in internationale Hilfe beschädigt, es hat auch lokale Strukturen geschwächt und die Abhängigkeit von außen verstärkt. Viele Haitianer:innen fühlen sich im Stich gelassen und misstrauen Ländern wie den USA, Frankreich oder Kanada, denen sie vorwerfen, korrupten Eliten zu helfen.

Alex Proimos from Sydney, Australia, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Im Juni 2024 startete eine neue Polizeimission unter der Leitung Kenias mit dem Ziel, die brutale Gewalt durch bewaffnete Banden einzudämmen, die vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince kontrollieren. Zwar gibt es Hoffnung, dass diese Mission besser angenommen wird als frühere Einsätze, doch es gibt auch große Zweifel. Die kenianische Polizei steht selbst wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Außerdem gibt es Sprachbarrieren und nur wenig Personal: Geplant sind maximal 3000 Polizisten – viel zu wenig für ein so schwer getroffenes Land.

Quellen:
https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/328218/haiti/
https://www.zeit.de/thema/haiti
https://www.deutschlandfunkkultur.de/haiti-chaos-gewalt-korruption-100.html
https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/haiti-ueberleben-im-bandenkrieg-100.html
https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/haiti-kriminalitaet/353808
https://www.reuters.com/world/americas/dominican-republic-kenya-call-funds-struggling-haiti-security-effort-2025-05-13 
https://www.reuters.com/world/americas/haiti-gang-violence-claims-5000-lives-less-than-year-un-report-2025-07-11
https://www.theguardian.com/world/2025/jul/09/haiti-violence-caribbean-community

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Von: Miriam

24. Juli 2025

Bild: Alex Proimos from Sydney, Australia, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons

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