Vergessene Kriege

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Foto: Michele Benericetti, CC BY 2.0
Der Berm – die gefährliche „Mauer“ der Westsahara
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Die Berliner Mauer ist jeder und jedem bekannt: Ein großer Wall, der Berlin einst in Ost und West trennte. Doch wie sieht es mit dem Berm aus? Auch hierbei handelt es sich um einen Wall, der ein Volk teilt, und zwar in der Westsahara. Seit Jahrzehnten schon spielen sich dort teils erschreckende Szenen ab, über die verhältnismäßig wenig berichtet wird – ein Grund mehr also, sich anzuschauen, was dort eigentlich so vor sich geht.
Der Berm. Ein über 2700 Kilometer langer Sandwall im Nordwesten Afrikas, der vom Südwesten nahe Mauretanien bis nach Marokko und entlang der algerischen Grenze. Dieser Wall teilt seit 1987 das Volk der Sahraoui, wobei auf der einen Seite völkerrechtswidrig von Marokko das Gebiet besetzt wird, während auf der anderen Seite das sahraouische Volk seine Freiheit herbeisehnt. Zwei Drittel des Walls werden von Marokko kontrolliert, das östliche Drittel unterliegt der Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario. Und was den Berm besonders macht: Es wimmelt auf beiden seiner Seiten nur so von Antipersonenminen, die ein Zunahekommen äußerst gefährlich machen.

AlbertoDV, CC0, via Wikimedia Commons
Tatsächlich gilt das Land um den Berm als eines der am stärksten durch Minen belasteten Gebiete der Welt. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass dieser Wall die Westsahara zerteilt? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, muss man zurück ins 19. und 20. Jahrhundert gehen, wo die Westsahara noch eine spanische Kolonie war. Nach dem Rückzug Spaniens im Jahr 1976 wurde das Gebiet zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt. 1979 zog Mauretanien sich zurück und gab seine Territorialansprüche auf, woraufhin Marokko das gesamte Gebiet besetzte. Gleichzeitig rief die Frente Polisario, eine Unabhängigkeitsbewegung der sahraouischen Bevölkerung, die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus und lieferte sich einen 15-jährigen Guerillakrieg mit Marokko, der ohne Sieger blieb. 1984 wurde der verminte Sandwall Berm von Marokko erbaut, um die Fronten zu trennen und den Kampfhandlungen damit Einhalt zu gebieten.
Zwar beinhaltete ein von der UN 1991 vermittelter Waffenstillstand ein geplantes Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara, dieses wurde allerdings bis heute nicht durchgeführt. Hauptproblem hierbei ist der Streit über die Wahlberechtigung: Während die Frente Polisario nur die ursprünglichen Einwohner:innen wählen lassen will, will Marokko auch die marokkanischen Zuwanderer:innen zur Wahl zulassen. Dieser Unterschied in zugelassenen Stimmen könnte ausschlaggebend für das Ergebnis des Referendums sein. Obwohl zahlreiche Verhandlungen stattfanden, konnte diese Uneinigkeit nicht aus dem Weg geräumt werden, was bedeutete, dass das Waffenstillstandsabkommen bestehen blieb und der Konflikt immer mehr in Vergessenheit geriet. Als im November 2020 Brahim Ghali, der Anführer der Frente Polisario, jedoch das Abkommen für ungültig erklärte, fingen die militärischen Auseinandersetzungen wieder von vorne an.

jaysen naidoo, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons
Die aktuelle Lage in der Westsahara ist geprägt von politischem Stillstand, wachsender Frustration und wachsender Instabilität. Mehr als 170.000 Sahraoui leben seit über 40 Jahren in Flüchtlingslagern bei der algerischen Stadt Tindouf unter äußerst schwierigen Bedingungen. Früher konnten Familien gelegentlich über Übergänge der UN-Mission MINURSO Kontakt zu Verwandten in den besetzten Gebieten aufnehmen, heute ist das allerdings nicht mehr möglich, hauptsächlich deswegen, weil Marokko jegliche Gespräche mit der Frente Polisario über die Durchführung eines Referendums ablehnt.
Auch diplomatische Initiativen Algeriens im UN-Sicherheitsrat blieben erfolglos: Ein Vorschlag zur Ausweitung des MINURSO-Mandats auf Menschenrechtsbeobachtungen wurde Ende Oktober 2024 von der Mehrheit des Rates nicht unterstützt. Die am 31. Oktober 2024 verabschiedete Resolution 2756 verlängert lediglich das bestehende Mandat bis Oktober 2025, bringt jedoch keine inhaltlichen Fortschritte. Das sorgt vor allem bei der Polisario für zunehmenden Unmut und schürt Sorgen vor einer weiteren Eskalation des Konflikts.
Die Menschenrechtslage in der Region bleibt weiterhin undurchsichtig, da das UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR) seit neun Jahren keinen Zugang zum Gebiet hat, obwohl sich zahlreiche Berichte über Repressionen, Überwachung und Verhaftungen häufen. Algerien, das besonders aktiv in der Aufnahme der Flüchtlinge ist, sieht sich in seiner Rolle als Schutzmacht der Sahraoui immer mehr isoliert. Die Ablehnung von Algeriens Vorschlägen im UN-Sicherheitsrat durch westliche Länder könnte laut Expert:innen sogar dazu führen, dass Algerien sich stärker Russland zuwendet. Das würde dem Konflikt in der Westsahara eine neue, internationale Dimension geben und ihn noch komplizierter machen.
Quellen:
https://www.gfbv.de/de/zeitschriftfuervielfalt/archiv/314-mauern-ueberwinden-grenzen-unserer-welt/westsahara-konflikt-die-mauer-die-fast-niemand-kennt/
https://frieden-sichern.dgvn.de/konflikte-brennpunkte/westsahara
https://dgvn.de/meldung/stillstand-im-westsaharakonflikt
Von: Miriam
10. Juli 2025
Bild: Michele Benericetti, CC BY 2.0
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