Friedens- und Protestlieder

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Mury – Jacek Kaczmarski
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Für das diesmalige Protestlied verschlägt es uns nach Polen. Viele der Protestsongs in dieser Reihe haben Missstände angeprangert, an das Gerechtigkeitsgefühl der Zuhörer:innen appelliert und diese dazu aufgerufen, sich zu erheben und zu wehren. Das Besondere an diesem Protestlied – „Mury“ – ist, dass es jedoch vor allem auch eine Message an die Protestierenden enthält, die bisher noch nicht zur Sprache kam: Eine Warnung vor dem, was einen Protest für Freiheit zunichtemachen kann.
Das Protestlied „Mury“ wurde 1978 von Jacek Kaczmarski, einem polnischen Sänger, Dichter und Schriftsteller, verfasst. Kaczmarski bekannte sich zum Kampf gegen die kommunistische Unterdrückung in Polen, was ihm auch den Namen „Barde der Solidarność“ einbrachte. Kaczmarskis Musik kritisierte das Regime und appellierte an die Tradition des patriotischen Widerstands der polnischen Bürger:innen.

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„Mury“, was auf Deutsch übersetzt „Mauern“ bedeutet, ist inspiriert vom katalanischen Lied „L’Estaca“ von Lluís Llachs, das in der Zeit der Franquismus-Diktatur in Katalonien zu einer Art Symbol der Unabhängigkeitsbewegung wurde. Auch die polnische Version „Mury“, die nur die Melodie, nicht aber den Text übernahm, wurde zu einer Hymne gegen die Unterdrückung. Dennoch sind Anspielungen auf „L’Estaca“ erkennbar: So singt Kaczmarski etwa von einem Sänger, der den unterdrückten Massen mit einem Lied Kraft gibt, das nicht einmal Worte benötigt, um die Sehnsucht nach Freiheit in ihnen zu wecken – also ganz wie beim damals verbotenen Lied „L’Estaca“, das nach Ende des Franco-Regimes von der katalanischen Bevölkerung zunächst nur vorsichtig gesummt wurde.

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Der Titel „Mury“ ist symbolisch gemeint, die Mauern stehen hier für politische Unterdrückung, Zensur und Kontrolle, sowie auch die Trennung zwischen Volk und Freiheit. In dem Protestlied inspiriert ein Sänger die Menschen, sich gegen diese „Mauern“ zu erheben, wodurch das Lied zur treibenden Kraft für Widerstand wird. Durch das Lied erkennen die Menschen ihre gemeinsame Stärke, wodurch Revolutionseuphorie und Tatendrang entsteht – diese kippen jedoch. Die Bewegung der Massen entwickelt eine Eigendynamik, die nicht mehr kontrolliert wird, der freiheitliche Impuls wird zunehmend radikal und ausschließen. Intoleranz macht sich breit, es entsteht ein Schwarz-Weiß-Denken und all jene, die sich diesem nicht anschließen, werden ausgegrenzt oder bekämpft. Anstatt Mauern einzureißen, marschiert die Masse schließlich gleichförmig, also ohne echte Freiheit, und erschafft sogar neue.
Das Protestlied ist also eine Warnung vor der Gefahr von jenen Revolutionen, die in Gewalt umschlagen oder neue Systeme hervorbringen. Möglicherweise ist dies eine Anspielung auf die Proteste 1970 in Danzig, wo bei Arbeiteraufständen gegen Preiserhöhungen unzählige Menschen brutal durch den Staat niedergeschlagen wurden. „Mury“ ist eine Warnung und ein Aufruf an Widerstandsbewegungen, keine vorschnellen und unüberlegten Aktionen durchzuführen und ihre eigene Macht realistisch einzuschätzen. Um Freiheit zu erreichen, braucht es Reflexion, nicht bloß eine blinde Masse.
Mury (Mauern) – Jacek Kaczmarski ² (Dt. Übersetzung von literatureplanetonline)
| On natchniony i młody był, ich nie policzyłby nikt On im dodawał pieśnią sił, śpiewał że blisko już świt. Świec tysiące palili mu, znad głów podnosił się dym, Śpiewał, że czas by runął mur… Oni śpiewali wraz z nim: |
Er war jung und voller Visionen, und gemeinsam waren sie unschätzbar viele. Er gab ihnen Kraft mit einem Lied von einer heraufdämmernden Morgenröte. Tausende von Kerzen zündeten sie für ihn an, deren Rauch über ihren Köpfen schwebte. Er sang, dass es Zeit war für den Einsturz der Mauer, und sie sangen gemeinsam mit ihm: |
| Wyrwij murom zęby krat! Zerwij kajdany, połam bat! A mury runą, runą, runą I pogrzebią stary świat! |
Zerstört das Gitterwerk der Mauern! Sprengt die Ketten, brecht die Peitsche entzwei, dann werden die Mauern einstürzen, ja einstürzen, und die alte Welt unter sich begraben. |
| Wkrótce na pamięć znali pieśń i sama melodia bez słów Niosła ze sobą starą treść, dreszcze na wskroś serc i głów. Śpiewali więc, klaskali w rytm, jak wystrzał poklask ich brzmiał, I ciążył łańcuch, zwlekał świt… On wciąż śpiewał i grał: |
Bald kannten sie das Lied auswendig, und schon die Melodie trug, ganz ohne Worte, den Ruf nach Freiheit in ihre Herzen und befeuerte ihren Geist. Also sangen sie und klatschten mit ihren Händen den Rhythmus, und ihr Händeklatschen hallte wider wie Kanonendonner, auch wenn die Ketten sie weiter beschwerten und die Morgenröte auf sich warten ließ. Er aber sang und spielte weiter: |
| Wyrwij murom zęby krat! Zerwij kajdany, połam bat! A mury runą, runą, runą I pogrzebią stary świat! |
Zerstört das Gitterwerk der Mauern! Sprengt die Ketten, brecht die Peitsche entzwei, dann werden die Mauern einstürzen, ja einstürzen, und die alte Welt unter sich begraben. |
| Aż zobaczyli ilu ich, poczuli siłę i czas, I z pieśnią, że już blisko świt szli ulicami miast; Zwalali pomniki i rwali bruk – Ten z nami! Ten przeciw nam! Kto sam ten nasz najgorszy wróg! A śpiewak także był sam. |
So begriffen sie, wie viele sie waren, sie fühlten ihre Kraft und die Gunst des Augenblicks und marschierten durch die Straßen der Stadt, auf den Lippen das Lied von der heraufdämmernden Morgenröte. Sie stürzten die Denkmäler, rissen das Straßenpflaster auf und riefen: „Dieser ist auf unserer Seite, der da ist gegen uns. Wer allein ist, ist unser ärgster Feind!“ Aber auch der Sänger war allein … |
| Patrzył na równy tłumów marsz, Milczał wsłuchany w kroków huk, A mury rosły, rosły, rosły Łańcuch kołysał się u nóg… |
Er schaute auf das gleichförmige Marschieren der Menge, schweigend lauschte er dem Donner ihrer Schritte. Und die Mauern wuchsen, wuchsen, wuchsen, die Ketten hingen noch immer fest an ihren Füßen. |
| Patrzy na równy tłumów marsz, Milczy wsłuchany w kroków huk, A mury rosną, rosną, rosną Łańcuch kołysze się u nóg… |
Er schaut auf das gleichförmige Marschieren der Menge, schweigend lauscht er dem Donner ihrer Schritte. Und die Mauern wachsen, wachsen, wachsen, die Ketten hängen noch immer fest an ihren Füßen. |
Quellen:
https://literaturplanetonline.com/2022/12/03/jacek-kaczmarski-mury-mauern-jacek-kaczmarski-mury-wallsjacek-kaczmarski-mury-mauern/
https://lyricstranslate.com/de/mury-mauern.html
Von: Miriam
4. Juni 2026
Bild: Foto von Donnie Rosie auf Unsplash
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