Diesmal führt uns der Protestsong dieses Beitrags nach Österreich. Selbstverständlich sind auch hierzulande Lieder ein beliebtes Mittel zum Ausdruck von Protest, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Eines davon ist „Die Arbeiter von Wien“, das von Fritz Brügel stammt und zu Beginn des österreichischen Ständestaats eine große Rolle bei Aufständen und politischen Kämpfen spielte.

Fritz Brügel wurde am 13. Februar 1897 in Wien als Sohn des Historikers und Journalisten Ludwig und seiner Ehefrau Susanne Brügel geboren. Nachdem er seinen Kriegsdienst geleistet hatte, studierte er Geschichte an der Universität Wien und erhielt 1921 seinen Abschluss. Anschließend fing Brügel an, für die Arbeiterzeitung zu schreiben und leitete von 1922 bis Februar 1934 die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Arbeiterkammer Wien. Darüber hinaus war er Mitglied des Verwaltungsbeirats der RAVAG (Radio Verkehrs AG, erste österreichische Rundfunkgesellschaft) und sowohl Gründungsmitglied als auch stellvertretender Obmann der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller.

Fritz Brügel, der Mitglied des sozialdemokratischen Schutzbundes war, war in den Februarkämpfen 1934, die oft auch als Februaraufstand 1934 oder Österreichischer Bürgerkrieg bezeichnet werden, involviert. Dabei handelt es sich um bewaffnete Kämpfe in Wien sowie an anderen österreichischen Industrieorten vom 12. bis zum 15. Februar 1934 stattfanden und mehrere hundert Tote einforderten. Auf der einen Seite standen Teile der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) sowie die Überbleibsel deren im Jahr 1933 verbotenen Republikanischen Schutzbundes. Auf der anderen Seite befand sich das den autoritären Ständestaat anstrebende Dollfuß-Regime. Nachdem die Kämpfe mehrere Tage angedauert hatten, setzten sich die Regierungstruppen schließlich durch. Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten und Österreich entwickelte sich weiter zum autoritären Ständestaat.

Bundesarchiv, Bild 102-00329 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

Nach dem Ende der Februarkämpfe war Fritz Brügel dazu gezwungen, in die Tschechoslowakei zu flüchten. Auch dort verfasste er weiterhin Werke, etwa die Februarballade, um an die hingerichteten Widerstandskämpfer zu erinnern. Als ihm 1935 die österreichische Staatsbürgerschaft entzogen wurde, wurde er offiziell zum tschechischen Staatsbürger. Nach Aufenthalten in der Sowjetunion, Frankreich, Spanien, Portugal und England arbeitete er schließlich für die tschechoslowakische Exilregierung. Als der Zweite Weltkrieg 1945 geendet hatte, kehrte Fritz Brügel als Diplomat in die Tschechoslowakei heim, trat jedoch nach der kommunistischen Machtübernahme aus Protest zurück. Er emigrierte infolge zunächst nach Deutschland, danach in die Schweiz, und schließlich zurück nach England, wo er 1955 in London starb.

 

So ganz klar ist nicht, wann „Die Arbeiter von Wien“ tatsächlich geschrieben wurde. Möglich ist einerseits, dass Fritz Brügel das Lied bereits im Jahr 1927 anlässlich eines Arbeiterjugendtreffens verfasste. Andererseits legen einige Überlieferungen nahe, dass das Lied erst um 1934 herum, zur Zeit der Februarkämpfe, entstand. Gesungen wird das Lied zur Melodie des „Roten Armeemarsches“ (1920) vom Komponisten Samuel Pokrass. Das Protestlied handelt vom Kampf der Arbeiter:innen für Freiheit, Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft. Diese werden als vereinte und starke Gemeinschaft dargestellt, die unter der „roten Fahne“ die bestehende Herrschaft verändern und die eigenen „Fesseln“ abschütteln will.

Die Arbeiter von Wien – Fritz Brügel ² (Text von dasrotewien.at)

Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt,
Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld.
Wir sind die Schnitter der kommenden Mahd,
Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat.
So flieg‘, du flammende, du rote Fahne,
Voran dem Wege, den wir ziehn.
Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer.
Wir sind die Arbeiter von Wien.

Herrn der Fabriken, ihr Herren der Welt,
Endlich wird eure Herrschaft gefällt.
Wir, die Armee, die die Zukunft erschafft,
Sprengen der Fesseln engende Haft.
So flieg‘, du flammende, du rote Fahne,
Voran dem Wege, den wir ziehn.
Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer.
Wir sind die Arbeiter von Wien.

Wie auch die Lüge uns schmähend umkreist,
Alles besiegend erhebt sich der Geist.
Kerker und Eisen zerbricht seine Macht,
Wenn wir uns rüsten zur letzten Schlacht.
So flieg‘, du flammende, du rote Fahne,
Voran dem Wege, den wir ziehn.
Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer.
Wir sind die Arbeiter von Wien.

 

 

 

Quellen:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Fritz_Br%C3%BCgel
https://www.dasrotewien.at/seite/bruegel-fritz
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Die_Arbeiter_von_Wien
https://spoe-bildung.at/2022/02/14/14-februar-2022-125-geburtstag-von-fritz-brugel/

 

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